"Liba Fata", schrieb die Tochter des Landtagsabgeordneten Henryk Wichmann (CDU) in einem Brief. Doch der liebe Vater fand das gar nicht gut: Denn das Mädchen ist in der vierten Klasse einer Grundschule und kann selbst einfache Wörter noch immer nicht richtig schreiben. Und vielen ihrer Klassenkameraden geht es ähnlich. "Die Kinder werden nach der Methode des lautgetreuen Schreibens unterrichtet", sagt der Abgeordnete. "Und die Rechtschreibung ist ein Riesenproblem."

Wichmann selbst will jetzt Konsequenzen ziehen: In der vergangenen Woche traf er sich zu einem Gespräch mit dem örtlichen Schulrat, und der RUNDSCHAU gegenüber erklärte er, darüber nachzudenken, ob eine private Schule für seine Tochter am Ende nicht die bessere Wahl sei. Eine Schule, die das "lautgetreue Schreiben" nicht zur Alphabetisierung der Grundschüler anwendet.

Dabei handelt es sich um eine relativ neue Unterrichtsmethode: Die Kinder lernen zunächst, jeden Laut einem Buchstaben zuzuordnen. Die Schüler schreiben die Worte dann so, wie sie sie hören. Denn gut 50 Prozent der deutschen Worte werden tatsächlich so geschrieben, wie sie gesprochen werden. In allen anderen Fällen allerdings können sich die Kinder am Ende eine falsche Rechtschreibung einprägen. In anderen Bundesländern gibt es deswegen bereits massive Kritik an dieser Unterrichtsmethode.

"In den Schulheften der Fünftklässler herrscht blindes Chaos", sagte etwa der Vorsitzende des bayerischen Philologenverbands, Max Schmidt, schon im vergangenen Jahr. Es sei dringend nötig, das freie Schreiben mit einem strengeren Rechtschreibunterricht zu begleiten, der den Kindern Strategien und Regeln an die Hand gebe. Und auch Henryk Wichmann und sein Kollege, der bildungspolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion Gordon Hoffmann, wollen sich nun etwas intensiver mit dem Leseunterricht an den Grundschulen auseinandersetzen.

Mit einer "Kleinen Anfrage" an das Bildungsministerium wollen sie herausbekommen, an wie vielen Schulen in Brandenburg nach der neuen Methode unterrichtet wird, und wie diese Schulen in den landesweiten Vergleichstests zur Rechtschreibung abschnitten.

"Die Rechtschreibung muss man einüben wie ein Musikinstrument", sagte Wichmann der RUNDSCHAU. Doch wenn die Schüler in den ersten Jahren völlig frei schreiben dürften, würde das im Chaos enden. "Die Methodenfreiheit im Unterricht ist ein hohes Gut", sagt der Abgeordnete. "Aber in der Medizin würde eine Operationsmethode mit derartig schlechten Ergebnissen verboten werden - sie wäre ethisch nicht verantwortbar." Und Hoffmann spricht davon, dass es in der Wissenschaft die breite Überzeugung gebe, dass sich die Methode nicht bewährt habe. "Für manche Anhänger der 68er-Pädagogik mag das schlimm klingen, aber manche Sachen muss man einfach einüben", so der Abgeordnete, der selbst schon zahlreiche Anrufe aufgebrachter Eltern wegen des "lautgetreuen Schreibens" erhielt.

Anderswo geht man mit der Schreiblernmethode noch gelassen um. "Es liegt in der pädagogischen Verantwortlichkeit der Schule, wie was unterrichtet wird", so der Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Günther Fuchs. "Wir sind sehr gut beraten, den Schwerpunkt in der Grundschule auf das Erlernen von Kulturtechniken, wie Lesen und Schreiben, zu legen." Deswegen gingen die Schulen damit sehr verantwortungsvoll um. "Und einen Königsweg gibt es dabei nicht - jedes Kind lernt verschieden."

Wie der Sprecher des Potsdamer Bildungsministeriums, Stephan Breiding, der RUNDSCHAU erklärte, herrscht an Brandenburgs Grundschulen "Methodenfreiheit". Das lautgetreue Schreiben sei eine der möglichen Methoden, die zum Lesen- und Schreibenlernen angewandt werden könnten, wie alle Methoden habe sie aber ihre Vor- und Nachteile und passe auch nicht für jedes Kind.

"Wir empfehlen daher, dass es sinnvoll ist, verschiedene Methoden auszuprobieren", so Breiding. In jedem Fall gebe es im Land Brandenburg einen Grundwortschatz, den jedes Kind am Ende der dritten oder vierten Klasse schreiben können muss. "Und Vater gehört da sicher auch dazu", fügte der Ministeriumssprecher hinzu.