A ls in ihrer Umgebung jemand spottete, Gerhard Schröder habe nicht mal zwei komplette Wahlperioden geschafft, schritt Angela Merkel ein. Sie rate zu Respekt. Sieben Jahre Kanzler müsse man erst mal durchstehen. Heute überholt die erste weibliche und erste ostdeutsche Chefin im Kanzleramt ihren Vorgänger. Heute regiert sie 2584 Tage, wo für Schröder nach 2583 Tagen Schluss war.

Was hat sie, was er nicht hatte? Ein Vergleich drängt sich auf. Persönlich. Schröder ist Mann, Macho und Emporkömmling. Das prägte sein Verhalten. Er komme mit einem Mercedes wieder, soll er seiner Mutter gesagt haben, als er zum Studieren wegzog aus Ostwestfalen-Lippe. Er kam mit vielen Dienstwagen wieder.

Gerhard Schröder war ein Selbstdarsteller. Breit lachend, Männerfreunde, Currywurst, Fußball. Immer im Mittelpunkt. Sein Stilmittel war der politische Coup, alternativ das Basta. Wenn nötig, setzte er alles auf eine Karte und verblüffte so die Gegner. Wie er die Steuerreform durch den Bundesrat bekam, indem er Berlin die Renovierung des Olympiastadions versprach, die Agrarwende nach dem BSE-Skandal, der Wahlkampf in der Elbeflut, die Vertrauensfrage wegen Afghanistan. Alles waghalsige, aber gelungene Manöver. Das letzte Vabanquespiel, die vorgezogene Neuwahl 2005, ging freilich schief. Man konnte Schröder lieben oder hassen. Aber wenig dazwischen. Hol mir mal ne Flasche Bier, ist der Spruch seiner Jahre. Noch vor: Entweder wir reformieren oder wir werden reformiert.

Angela Merkel, Pfarrerstochter und Physikerin, braucht die Schrödersche Art von Geltung nicht und auch keine Statussymbole wie Brioni. Sie hat ihr Wochenendhäuschen in der Uckermark, ihre fast kleinbürgerliche Zweisamkeit mit ihrem Mann, dem sie das Frühstück macht, ihre Urlaubsroutinen zwischen Oper in Bayreuth und Wandern in Tirol. Sie ist absolut normal geblieben, unprätentiös, auch im Umgang mit ihrer Umgebung. Lieblingsessen: Roulade oder Königsberger Klopse. Warum stürzt sie sich dann in diese 24-Stunden-Arbeit?

Angela Merkel ist eine Aufgabenlöserin. So wie Leute, die damit einmal angefangen haben, immer komplexere Kreuzworträtsel wählen, so liebt sie es, wenn es richtig unübersichtlich wird. Die Euro-Rettung findet sie ganz besonders spannend. Deswegen bringt es nicht viel, sie politisch unter Druck zu setzen. Das macht sie nur kühler und stärker. Nie entgleist sie, jedenfalls nicht öffentlich. Sie ist freundlich und grüßt auch noch, wenn einer nichts mehr ist. Die Kehrseite der Perfektion: Man spürt bei ihr keine Leidenschaft, kein Herz, auch keine Freundschaft zu den Leuten da draußen. Wenn sie einmal abtreten sollte, werden nur wenige Deutsche das Gefühl haben, sie gekannt zu haben. Politisch.

Es passt zum Naturell Schröders, dass seine Kanzlerjahre eine einzige Achterbahnfahrt waren. Es begann schon mit dem Drama um Oskar Lafontaine, diesem Krieg der Giganten, der in das Schisma mit der Linkspartei mündete. Großes Kino. Die erste Amtszeit brachte nicht wenig: Staatsbürgerschaftsrecht, Erneuerbare-Energien-Gesetz, Steuersenkungen, Agrarwende. Allerdings waren diese Refomen nicht wirklich schwer. Wirtschaftlich aber war Deutschland der kranke Mann Europas. Schröder brauchte die Fast-Niederlage von 2002, um sich einen größeren Ruck zu geben. Und jetzt, typisch Schröder, riskierte er alles. Die 2003 formulierte Agenda 2010 ist das mutigste Reformwerk, das je eine Regierung in Deutschland in einem Stück angepackt hat - und hat dem Urheber die Macht gekostet.

Merkel tut schon deshalb gut daran, nicht über das frühe Scheitern ihres Vorgängers zu spotten, weil sie von den Spätwirkungen dieser Reformen profitiert. Auch Merkels Politik passt zu ihrem Naturell. Schröder hatte keinen Plan, war aber jederzeit bereit, sich in politische Abenteuer zu stürzen, wenn sich eine Gelegenheit ergab. Ein Instinktpolitiker. Merkel wartet ab. Als sie es einmal nicht tat, noch vor ihrer Kanzlerschaft 2003 beim Leipziger Reformparteitag, ging es grandios schief. Kopfprämie und Bierdeckelsteuer ließen die Union abstürzen. Seitdem überlässt die CDU-Chefin die Offensive lieber anderen - und geht auf Distanz, falls die Sache scheitert. Ursula von der Leyen kann ein Lied davon singen. Außerdem betreibt sie gehörig Themen-Hopping. Vorgestern Klimarettung, gestern Bildungsrepublik Deutschland, heute Energiewende. Selten bleibt Merkel wirklich dran an einem Thema.

Anders beim Euro. Da hatte sie anfangs zwar ebenfalls keinen Plan. Bis sie merkte, dass sich aus der Not eine Tugend machen lässt: Die Wandlung Europas zu einer wirklichen Wirtschafts- und Währungsunion. Nun ist das ihr großes Thema. Und in den internationalen Chefrunden kommt ihre Fähigkeit zu charmieren und zu moderieren viel besser zur Geltung als im Kuddelmuddel von Koalitionsgipfeln, wo manchmal eher Führung nötig wäre.

Am Ende wird man beiden Kanzlern, trotz unterschiedlicher Stile, jeweils einen großen Erfolg anrechnen können. Schröder die inneren Reformen, Merkel die Reform Europas. Und das, obwohl beide keine Visionäre sind. Oder vielleicht gerade deshalb .