Wären da nicht noch die äußeren Bedingungen, die sich über dieses individuelle Leben legen. Welchen Einfluss sie haben, merken wir immer dann, wenn ein politisches Erdbeben über den Globus zieht - so wie vor 25 Jahren. Und so wie heute.

Die deutsche Wiedervereinigung zwang vor allem die Bürger der DDR zu einer intensiven Selbsthinterfragung. Lag ich richtig, lag ich falsch? Welche Rolle und welche Haltung nehme ich künftig ein?

Nun sind also 25 Jahre vergangen. Zwar ist der Osten nach wie vor ein besonderes Wirtschaftsgebiet, weil es sich mitnichten so entwickelte, wie der Einheitskanzler Helmut Kohl es versprochen hatte. Auf der individuellen Ebene aber herrscht Chancengleichheit. Und es funktioniert: Die wichtigsten politischen Ämter, die das Land zu vergeben hat, werden von zwei Ostdeutschen bekleidet.

Und so könnte man doch eigentlich an so einem Jahrestag wie dem morgigen gemütlich in seinen Sessel sinken und ein paar lustige Anekdoten aus der Wendezeit zum Besten geben.

Und dann das. Da setzt sich dieser gewaltige Flüchtlingstreck in Gang. 50 Millionen Menschen auf Wanderung. Sie fliehen aus extremen Situationen wie Krieg und bitterer Armut. Anderen geht es besser, aber sie sehen in ihren Ländern keine Zukunft mehr. Also suchen sie ihr Glück in Europa. Europa aber reagiert mal panisch, mal ohnmächtig, und jeder anders. Es entsteht Unübersichtlichkeit und Chaos, was wiederum all jene anzieht, die ihre Geschäfte auf der dunklen Seite des Lebens erledigen.

Aus den Erfahrungen der Wendezeit ließe sich nun kühn behaupten: Wenn irgend jemand prädestiniert ist, Lösungen für diese Situation zu finden, dann doch wohl die Deutschen. Wer in aller Welt hat sonst so ein Kunststück vollbracht und zwei Staaten, die sich so fremd und doch so nah waren, quasi über Nacht vereint? Doch leider weit gefehlt: Ausgerechnet der Riese in Europa strauchelt und taumelt besonders hilflos durch die Ereignisse.

Immerhin hat sich inzwischen ein Teil der Politik aufgerafft. Es wird etwas mehr Klartext gesprochen, Gesetze werden diskutiert und vorbereitet. Genug ist das allerdings nicht, um aus dem Chaos herauszufinden. Dafür bedarf es einiges mehr.

Das Gebot der Stunde ist Ehrlichkeit. Hier könnte das heutige Deutschland tatsächlich aus den Fehlern der Wendezeit lernen. Falsche Versprechungen wie das von den "blühenden Landschaften" sind nur anfangs süß - der Nachgeschmack aber bitterer als die Wahrheit.

Zweitens braucht Deutschland klare Regeln, die in einem Einwanderungsgesetz münden. Das bedeutet drittens, dass keine falschen Botschaften mehr in die Welt gesendet werden, die in verzweifelten Menschen das Bild entstehen lassen, Deutschland sei ein Paradies. Die Botschaft muss eine andere sein: Deutschland lässt niemanden ertrinken. Asyl ist ein zentraler Pfeiler unserer Grundordnung. Alle anderen Einwanderungswilligen sind herzlich willkommen, an die Tür zu klopfen. Wer aber unter welchen Bedingungen tatsächlich eintritt, bestimmten die Regeln des Hausherrn.

Vor 25 Jahren stand die Welt vor einer Zeitenwende. Die Sowjetunion löste sich auf, Deutschland wurde vereint. Heute ist es wieder so weit. Ein globales Erdbeben, das nicht erst seit gestern tobt, erreicht das gemütliche Wohnzimmer der Europäer.

"1989 war ein Frühling der Völker, 2015 ist das Ende", mutmaßt der britische Historiker Harold James. Das muss nicht so sein.

Aber es wäre auch mal wieder an der Zeit zu einer Selbsthinterfragung. Sind wir immer die Guten? Eine Frage, die quält. Zumindest die Menschen in Ostdeutschland kennen das Gefühl.