"Krank", "vom Teufel besessen", "Monster" - das sind noch die harmlosen Äußerungen. Wer in diesen Tagen Kommentare in den sozialen Netzwerken über den mutmaßlichen Kindermörder Silvio S. liest, stößt auf eine Wand von Hass und auf eine Menge Ferndiagnosen.

Aber ist der 33-Jährige, der morgen voraussichtlich für den Tod von zwei Kindern verurteilt wird, wirklich krank? Ist Silvio S. ein Produkt dieser Gesellschaft? Ist er einer von uns?

"Natürlich ist er einer von uns", hat der forensische Psychiater Matthias Lammel vorige Woche im Mordprozess durch den Saal gebrummt. "Weil er nicht vom Mars kommt." Der Gutachter scheint genervt von der Debatte, die außerhalb der Verhandlung läuft.

Silvio S. soll den sechsjährigen Elias und den vierjährigen Mohamed entführt und getötet haben. Dem Gutachten zufolge gehört er im Falle einer Verurteilung ins Gefängnis, nicht in die Psychiatrie. Vor Gericht hat Silvio S. außer einer Entschuldigung an die Hinterbliebenen nichts geäußert. Lammel hat immerhin fünf Stunden lang Gelegenheit gehabt, in U-Haft mit ihm zu sprechen.

Er hätte gern mehr Zeit, eine breitere Grundlage gehabt. Doch der Angeklagte wollte irgendwann nicht mehr reden. So erfuhr der Gutachter wenig über die Taten, aber so manches zum Vorleben.

Nach jetzigem Wissen hat der Wachmann 32 Jahre lang unbescholten gelebt. Bis zum Juli 2015. "Obwohl er eben nicht in der Mitte der Gesellschaft steht, hat er ein unauffälliges Leben geführt", fasst es Lammel zusammen. "Durch seine Persönlichkeitsstörung ist er am Rand der Gesellschaft entlangmarschiert."

Die Persönlichkeitsstörung, die Lammel da anspricht, ist nach den Worten des Psychiaters im geringen Selbstwertgefühl, dem Rückzug vor Fremden und dem Ausweichen vor jedem Konflikt zu erkennen. Das Eigentümliche daran: Silvio S. gelang es, in dieser Gesellschaft nach außen hin gut zu funktionieren.

Weil er eine enorme Scheu vor fremden Menschen hatte, ließ er sich von seiner Wach- und Schließgesellschaft nicht nur für einsame Autotouren einteilen - er nahm auch bereitwillig die Dauer-Nachtschicht an. Weil er zu antriebslos war, blieb er bei seinen Eltern wohnen. Weil er Angst hatte, seine wenigen Freunde zu verlieren, chauffierte er seine Clique an Wochenenden treu zu Diskotheken.

Lammel setzte Silvio S. eine Skala von null bis drei vor, wie sehr er sich ausgenutzt fühle. Die Antwort: "Null bis drei reicht nicht aus. Da müsste es zehn oder 20 geben." Was er an seinem Leben Schönes erlebt habe? "Nichts." Was er in seinem Leben an Schlimmem erlebt habe? "Nichts." Was er gut könne? "Nichts."

Freunde hätten sich daran gestoßen, dass er immer den denselben Pullover und dieselbe Hose trage, aber ihm sei es eben wichtiger gewesen, Geld auf der Bank zu haben. So wie seine Eltern es predigten. Sie hatten für ihn seine Riester-Rente organisiert. Silvio S. hatte seinen Schilderungen zufolge nie Spaß in der Disco, nie eine Freundin und nie Sex mit Frauen, auch nicht mit Prostituierten. Er habe gesagt, er hätte wohl gern eine Freundin gehabt, referiert der Gutachter. "Aber wie man das zustande bringt, sei ihm schleierhaft. Außerdem hatte er zu viel Angst." Jedoch habe er sich daheim Pornofilme angesehen.

Seit Kinderzeiten habe sich Silvio S. herabgesetzt gefühlt, sagte der Gerichtspsychiater. Mitschüler und später auch Erwachsene hätten ihn wegen seiner Schüchternheit immer wieder ausgegrenzt. Lammel: "So werden Kinder zur einzigen Zielgruppe, mit der er es aushalten kann." Die Kinder hätten ihn nie infrage gestellt.

Hier schließt sich auf perfide Weise ein Kreis. Es ist nämlich keinesfalls erwiesen, dass Silvio S. pädophil ist - nicht nur, weil der Angeklagte das abstreitet. Lammel sagt: "Ich bin der Überzeugung, dass Kinder als Opfer ausgewählt wurden, weil sie leichter mitzunehmen und körperlich besser beherrschbar sind."