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Was gefälscht werden kann, wird auch gefälscht

Textilien, Schuhe und Taschen gehören zu den beliebtesten Fälschungen, die in Schönefeld und Tegel gefunden werden.
Textilien, Schuhe und Taschen gehören zu den beliebtesten Fälschungen, die in Schönefeld und Tegel gefunden werden. FOTO: Bodo Baumert
Berlin. 30 Tonnen Fracht zieht der Zoll jährlich an den Berliner Flughäfen Tegel und Schönefeld aus dem Verkehr. Alles Fälschungen oder nachgemachte Produkte ohne Lizenz der eigentlichen Hersteller. Ein Blick in die Asservatenkammer der Experten zeigt, wie dreist die Fälscher vorgehen. Bodo Baumert

Christian Böhm kennt sein Geschäft. Seit 30 Jahren ist er Zollbeamter, mittlerweile leitet er die Zollabfertigung in Tegel, künftig am BER in Schönefeld. Um zu erläutern, was er und seine Kollegen täglich machen, nimmt er einen Turnschuh in die Hand. Schwarz. Auf den ersten Blick sieht er aus, wie ein Marken-Turnschuh. Nike, Airshock. "Die Farbe stimmt, alle Zettel sind drin, die Sohle ist vernäht, nicht geklebt. Alles so, wie es sein soll", sagt Böhm. Dann nimmt er den Schuh und haut damit auf den Tisch. Es knallt. "Damit können Sie Nägel in die Wand hauen. Aber einmal damit laufen und der Fuß ist hin", fährt er fort.

Der Schuh ist eine Fälschung. Böhms Kollegen haben ihn an den Hersteller geschickt. Nike hat bestätigt, dass er dem Original sehr nahe kommt. Der Grund ist einfach: Eine Firma in China hatte die Schuhe im Auftrag von Nike hergestellt. Die Lizenz dafür lief aber vor zwei Jahren aus. "Die haben trotzdem einfach weiterproduziert", so Böhm. Nur das Dämpfungssystem des Originalschuhs konnten sie nicht kopieren. "Da haben sie einfach Holzstücke reingebaut", berichtet der Zoll-Oberamtsrat weiter. Optisch kein Unterschied, am Fuß dann aber schon

Es sind Dutzende solcher Beispiele, die Böhm aufzählen kann. "Alles, was gefälscht werden kann, wird gefälscht", sagt Böhm. Sobald ein neuer Disney-Film auf dem Markt sei, landen kurz darauf die gefälschten Merchandising-Artikel bei den Zollbeamten in Berlin. Das neueste I-Phone hat Böhm auch kurz nach der Präsentation in der Hand - natürlich auch das gefälscht.

Fälscher geben sich Mühe

T-Shirts, Schuhe, Handtaschen, das sind die Klassiker. Aber auch teure Uhren oder Parfüms werden gefälscht. "Es ist erstaunlich, wie viel Mühe sich die Fälscher zum Teil machen", sagt Böhm und zeigt einen Ring, scheinbar originalverpackt von Swarowski. Schildchen, Packungskarton, Beipackzettel - alles, wie beim Original. "Nur der Schmuck, der ist aus Kunststoff", sagt Böhm und greift zum nächsten, ein Parfüm. Die Packung sieht wieder original aus, die Flasche darin auch. "Nur, was drin ist, riecht wie Jauche", warnt der 56-Jährige. Mancher Fälscher mache sich sogar die Mühe, die Kopfnote entsprechend dem Original zu gestalten. Sprüht man das auf ein Pappkärtchen, riecht es zunächst tatsächlich nach Dior oder Joop. Auf der Haut dann allerdings nicht mehr. "Das zu fälschen, ist für die Produktpiraten zu aufwendig", so Böhm

Den Käufern ist das zum Teil egal. Hauptsache das Original-Logo steht drauf, und das Produkt sieht täuschend echt aus. Wer solche Fälschungen im Ausland kauft und im Flieger mit nach Hause bringt, sollte aufpassen. Für den Privatgebrauch dürfen gefälschte Produkte mitgenommen werden. Dabei wird aber schnell die Grenze zum gewerblichen Bereich überschritten. Böhm gibt ein Beispiel: "Der Familienvater kauft sich auf dem Basar einen Trainingsanzug mit den bekannten Streifen, der Sohn bekommt auch noch einen, die Frau eine Handtasche von Louis Vuitton, die Tochter noch ein gefälschtes Spielzeug. Das ist Privatgebrauch. Wenn der Vater aber noch 20 Trainingsanzüge für den Kegelklub mitbringt, weil die so schön billig waren - das ist gewerblich." Und dann greift der Zoll zu. Auch wenn die Wertgrenze 430 Euro überschreitet.

Das alles gilt ausdrücklich nur für den Flugbereich. Bei den Postsendungen, die der Zoll auch durchsucht, wird grundsätzlich immer von einem gewerblichen Hintergrund ausgegangen - und entsprechend juristisch eingeschritten.

Um zu erkennen, ob ein Produkt gefälscht ist oder nicht, werden die Zollbeamten regelmäßig geschult. "Die Rechte-Inhaber müssen uns mitteilen, wie wir ihre Produkte erkennen können", erklärt Böhm. Meist reicht aber auch schon ein Blick auf die Papiere einer Frachtlieferung. Turnschuhe, die im Laden über 150 Euro kosten, im Einkauf aber für vier Euro inklusive Transportkosten aus Asien in Berlin eintreffen - da wird der Zoll natürlich hellhörig.

Viele Fälschungen sind gefährlich

Schließlich geht es nicht nur um den Schutz der Markenrechte großer Unternehmen, es geht oft auch um die Sicherheit der Verbraucher. Böhm zeigt ein Handy-Akku. Von außen sieht es echt aus. Kein Kunde würde den Unterschied erkennen. Doch es fehlt ein entscheidendes Bauteil. Akkus verfügen über einen Schutzschalter, der abschaltet, so bald der Akku zu heiß wird. "So ein Schalter ist teuer und nicht so einfach einzubauen", erklärt Böhm. Also lassen ihn die Fälscher weg. So kann es dann schnell passieren, dass ein Handy in Brand gerät.

Auch gefälschte Spielzeugwaffen, die aufgrund ihrer Durchschlagskraft nur mit einem Waffenschein verkauft werden dürften, sind für den Zoll an den Berliner Flughäfen keine Seltenheit.

Noch gefährlich wird es bei Medikamenten. Auch die werden gerne gefälscht. Böhm zeigt Kopfschmerztabletten, die nur aus Mehl und Wasser bestehen, aber auch Potenzmittel, in denen die sechsfache Wirkstoffmenge enthalten ist. "Das kann für den Einnehmenden gefährlich werden", warnt Böhm, bis hin zum Tod. Auch Krebs- oder Herzmedikamente werden gerne gefälscht.

Mehr Gewinne als mit Drogen

"Die Gewinnspannen für die Fälscher sind enorm, größer als beim Rauschgift", erklärt Böhm. Deshalb werden grundsätzlich alle Arzneimittelsendungen an den Berliner Flughäfen kontrolliert. "Vor allem, wenn wir den Empfänger nicht kennen, prüfen wir genau", so Böhm. Proben werden an die Hersteller geschickt, die dann überprüfen, was wirklich in den scheinbar echten Medikamenten enthalten ist.

Vor allem Postsendungen mit Arzneimitteln, die auf Internetseiten im Ausland bestellt wurden, sind ein Dauerthema für den Zoll. "Die sind zu über 99 Prozent gefälscht", sagt Böhm. Beliebt sind gerade auch Dopingmittel oder sogenannte Lifestyle-Produkte, also Nahrungsergänzungsmittel mit angeblichen Wunderwirkungen. Hier muss der Zoll prüfen lassen, ob sie die Grenze zur Arznei überschreiten. Auch dann muss der Zoll aktiv werden.

Einen besonderen Fall hatte Böhm in den vergangenen Wochen. Der Zoll beschlagnahmte in Tegel kistenweise Bausätze aus Metall. Böhms Kollegen bauten einige probeweise auf. Heraus kamen Figuren bekannter Science-Fiction-Filme - aus kleinen Schrott-Teilen zusammengebaut. Vier Beispielexemplare stehen im Besprechungsraum des Zolls zur Vorführung.

Gefälscht sind die Figuren, die ein Berliner Comicladen bestellt hatte, nicht - und dennoch ein Fall für den Zoll. "Der Hersteller hat keine Lizenz für diese Markenfiguren", erläutert Böhm. Damit handelt es sich um einen Diebstahl geistigen Eigentums. Die Metallfiguren werden nun, ebenso wie alles andere, was in den Archiven des Zolls lagert, ein Fall für die Müllverbrennung. "Wir heben die Dinge so lange auf, wie die Verfahren laufen", erläutert Böhmn. Das kann zum Teil Jahre dauern. Anschließend wird dann alles vernichtet.

Zum Thema:
Im vergangenen Jahr haben die deutschen Zollverwaltungen insgesamt gefälschte Waren im Wert von rund 132 Millionen Euro gefunden. Über 75 Prozent der Waren stammten aus der Volksrepublik China und Hongkong. Am häufigsten geschmuggelt wurden Körperpflegeprodukte und Spielzeuge. Einer der Aufgabenschwerpunkte des Zolls war der Kampf gegen illegale und gefälschte Arzneimittel. 3,9 Millionen Tabletten wurden sichergestellt.