Noch im August wird die Strafvollstreckungskammer am Landgericht Cottbus die 49-Jährige anhören. Danach, so ihr Anwalt Matthias Schöneburg, könnte es recht schnell gehen, bis das Gericht eine Entscheidung fällt. Folgt sie dem Antrag des Strafverteidigers, dann kommt die gelernte Zahnarzthelferin aus Frankfurt (Oder) nach zehn Jahren Haft aus der Justizvollzugsanstalt Duben bei Luckau frei.

Das letzte Drittel ihrer fünfzehnjährigen Strafe wegen Totschlags durch Unterlassen könnte dann zur Bewährung ausgesetzt werden. Die Aussichten dafür scheinen nicht schlecht zu sein. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder), die zu dem Antrag ihre Sicht darstellen muss, stehe der Aussetzung der Reststrafe nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber, so Schöneburg. Die Staatsanwaltschaft selbst bestätigt nur, einen eigenen Antrag abgegeben zu haben. Zum Inhalt schweigt sie.

Wer in Deutschland eine Haftstrafe verbüßt, kann nach zwei Dritteln der Zeit beantragen, vorzeitig wieder freizukommen. Das regelt das Strafgesetzbuch. Doch das Recht auf einen solchen Antrag bedeutet längst nicht, dass in jedem Fall auch positiv entschieden wird.

"Das Gericht muss dazu viele Sachverhalte prüfen", erläutert Mandy Liersch, Sprecherin des Landgerichtes Cottbus. Wie hat ein Verurteilter sich im Strafvollzug geführt? Hat er sich mit seiner Tat auseinandergesetzt, vielleicht eine Therapie begonnen? Gibt es ein soziales Umfeld, in das er zurückkehren kann? Außerdem spielten Prognosegutachten durch einen psychiatrischen Sachverständigen oft eine wichtige Rolle.

Für seine Mandantin, so Rechtsanwalt Schöneburg, läge so ein Gutachten inzwischen vor. Darin werde noch eine tiefere Aufarbeitung der Straftat unter professioneller Hilfe empfohlen. "Meine Mandantin kann sich so etwas durchaus vorstellen, aber außerhalb des Gefängnisses vielleicht als Bewährungsauflage", so der Anwalt. Für sie seien bis heute auch Fragen offen, wie es zu den Taten kommen konnte: "Da hat sie selbst keine Antworten."

2006 und nach teilweise erfolgreicher Revision erneut 2008 verurteilte das Landgericht Frankfurt (Oder) die Mutter von vier lebenden Kindern für den Tod von acht Babys, die sie 1988 bis 1999 heimlich zur Welt brachte und unversorgt sterben ließ. Ein weiterer Fall war verjährt. Eine verminderte Schuldfähigkeit durch hohen Alkoholkonsum erkannte das Gericht nicht.

Die toten Neugeborenen hatte die Frau in Plastiktüten gewickelt und in Blumentöpfen, Eimern und einem Aquarium verscharrt, die bepflanzt auf dem Balkon ihrer Wohnung standen. Bei Umzügen nahm sie die Gefäße mit, bis sie sie auf dem elterlichen Grundstück in Brieskow-Finkenheerd (Oder-Spree) abstellte, wo sie bei Aufräumarbeiten vor zehn Jahren zufällig entdeckt wurden.

Der Kindesvater hatte behauptet, in all den Jahren nichts von den Schwangerschaften seiner Frau bemerkt zu haben. Laut Urteil war das Tatmotiv der Mutter die Angst, ihr dominanter Mann, der keine Kinder mehr wollte, könnte sich von ihr trennen. Vor Gericht machte er von seinem Recht zu schweigen Gebrauch. Die Ehe ist seit Jahren geschieden. Zu ihm habe seine Mandantin keinerlei Kontakt mehr, so Rechtsanwalt Schöneburg.

Die Beziehungen zu ihren überwiegend schon erwachsenen vier Kindern und zu ihren Geschwistern seien dagegen gut: "Wenn sie auf freien Fuß käme, würde sie keinesfalls in ein soziales Loch fallen", sagt er über die Frau, um deren vorzeitige Haftentlassung er sich bemüht.

Die Jahre im Gefängnis seien für seine Mandantin sehr schwer gewesen. Die gelernte Zahnarzthelferin mit Abitur habe sich mit Malerei beschäftigt und ein Fernstudium der Psychologie aufgenommen, bestätigt er: "Das will sie nach der Entlassung beenden."

Ob sie zunächst zu einer ihrer Töchter zieht, lässt Schöneburg offen. Er werde seine Mandantin gut beraten, um sie gegen ein zu großes öffentliches Interesse zu schützen. Ob und wann sie diesen Rat braucht, liegt jetzt in den Händen der Strafvollstreckungskammer am Landgericht Cottbus.

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Zum Thema:
Der damalige Brandenburger CDU-Vorsitzende Jörg Schönbohm und stellvertretende Ministerpräsident in einer Großen Koalition in Potsdam hat 2005 einen Sturm der Entrüstung ausgelöst, als er eine Verbindung zog zwischen den neun toten Babys in Brieskow-Finkenheerd und Prägungen aus DDR-Zeit. Heftige Kritik kam auch aus der eigenen Partei. Von einer "verbalen Entgleisung" war die Rede. Schönbohm war entsetzt über die offensichtliche Gleichgültigkeit des Umfeldes der Mutter. Dann schlug er einen Bogen von der erzwungenen Kollektivierung der Landwirtschaft, die die Bevölkerung "proletarisiert" habe, der Vertreibung alles Bürgerlichen und einen damit einhergehenden Werteverlust in der DDR. Schönbohm hielt inhaltlich an seiner These fest, entschuldigte sich später jedoch bei denen, die sich dadurch verletzt und beleidigt gefühlt hatten. sim