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| 02:51 Uhr

Warum Südkorea von Deutschland lernen will

Rainer Eppelmann war in der Wendezeit Minister für Abrüstung und Verteidigung der letzten Regierung der DDR. Foto: G. Leue/leu1
Rainer Eppelmann war in der Wendezeit Minister für Abrüstung und Verteidigung der letzten Regierung der DDR. Foto: G. Leue/leu1 FOTO: G. Leue/leu1
Berlin. Rainer Eppelmann war in der DDR Pfarrer und Oppositioneller. Seine Erfahrungen als Wendepolitiker sind heute stark gefragt bei den Südkoreanern, die mit Blick auf eine Vereinigung Koreas intensiv den deutschen Einheitsprozess analysieren. Die RUNDSCHAU sprach mit ihm. leu1 dpa/uf

In diesem Jahr wird der 22. Jahrestag der deutschen Einheit begangen. Was für viele Deutsche längst Normalität ist, ist für Südkoreaner ein Grund zum intensiven Nachfragen?
Ja, sie interessieren sich seit Langem für das Thema. Es gibt außerhalb Europas kein Land, in dem sich so viele Leute, darunter viele Wissenschaftler, mit der Frage beschäftigen: Wie kam es zur deutschen Einheit und welche Erfahrungen haben die Deutschen in dem Prozess gemacht? Im Frühjahr besuchte eine Delegation aus Südkorea Deutschland, um solche Fragen zu diskutieren, nachdem eine deutsche Delegation, zu der ich gehörte, im Herbst 2011 in Seoul war.

Um für eine Vereinigung mit Nordkorea gewappnet zu sein, analysieren die Südkoreaner die Erfahrungen der Deutschen in ihrem Vereinigungsprozess?
Sie haben ein regelrechtes Wiedervereinigungsministerium samt Minister und eine Universität in Seoul mit einem Lehrstuhl zum Thema. Dort lehren hochrangige Wissenschaftler. Als Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur pflegen wir intensive Kontakte zu der Uni. Man muss sagen, dass die Koreaner eifriger sind als wir. Aber das habe ich vor zwanzig Jahren schon erlebt.

Wie meinen Sie das?
Ich kann mich genau erinnern, als ich 1990 Minister für Abrüstung und Verteidigung in der letzten DDR-Regierung war. Auf einmal standen Südkoreaner vor der Tür und wollten unbedingt hören, wie wir als DDR-Oppositionelle es geschafft hätten, das kommunistische Regime zu überwinden und demokratische Strukturen aufzubauen. Wir waren 1989/90 so sehr mit uns beschäftigt, dass wir gar nicht auf den Gedanken kamen, irgendjemanden unaufgefordert von unseren Erfahrungen zu erzählen. Die Koreaner wollten auch nach der staatlichen Einheit, ich war inzwischen in Bonn Bundestagsmitglied, wissen, was wir tun, um vergleichbare Lebensverhältnisse in der Ex-DDR zu schaffen. Irgendwann sind sie jedoch weggeblieben, so um 1992/93.

Wissen Sie, warum?
Sie hatten gemerkt, wie kompliziert und schwierig das alles wird. Sie sahen nicht nur die große Herausforderung, sondern natürlich auch die nicht zu vernachlässigenden Unterschiede zwischen Korea und Deutschland. Mittlerweile wollen sie jedoch wieder stärker unsere Erfahrungen studieren. So gibt es auf ihren Wunsch hin die Verabredung zwischen unseren beiden Staaten, sich wenigstens einmal im Jahr auf Regierungsebene zu treffen, um über Fragen und Situation der geteilten Völker zu reden. Nach dem ersten Treffen im Oktober 2011, an dem ich gemeinsam unter anderem mit Richard Schröder, Lothar de Maizière, Horst Teltschik und Christoph Bergner teilnahm, wird es wohl ein weiteres im Frühjahr 2013 in Südkorea geben.

Eine bemerkenswerte Abrundung Ihrer Biografie: vom Pfarrer, Bluesmessenerfinder, Verteidigungs- und Abrüstungsminister zum Wiedervereinigungsexperten für Koreaner.
Die Koreaner hatten darauf bestanden, dass zu den von deutscher Seite vorgeschlagenen Delegationsteilnehmern noch drei zusätzliche Namen kämen: Wolfgang Tiefensee, Jörg Schönbohm und meiner. Das hat mich insofern nicht überrascht, weil mich die Bundesrepublik in den letzten 20 Jahren zu einer Art Fachmann in Teilungsfragen gemacht hat. Und als ehemaliger Leiter zweier Bundestags-Enquetekommissionen "Aufarbeitung der Geschichte und Folgen der SED-Diktatur" weiß ich, dass Südkorea das einzige Land ist, das die komplette Buchausgabe der beiden Enquetekommissionen übersetzt hat.

Kann man die Situation von Nord- und Südkorea mit der von DDR und Bundesrepublik kurz vor der Wende überhaupt vergleichen, abgesehen von der Teilung des Landes?
Sicher nur bedingt, weil die Diskrepanz der ökonomischen und gesellschaftspolitischen Verhältnisse in den beiden Teilen Koreas noch viel größer ist, als sie es im geteilten Deutschland war. Auf eines haben aber gerade wir Ostdeutschen in den Gesprächen hingewiesen: Man darf nicht nur auf Regierungsebene miteinander über mehr Kooperation und am Ende über die Einheit reden. Das wäre ja so, als hätte Helmut Kohl im Spätherbst 1989 mit Egon Krenz Verhandlungen darüber aufgenommen, wie wir zur Einheit Deutschlands kommen könnten. Wir hatten einen wichtigen Schritt dazwischen gelegt, indem wir klar gemacht haben: So geht das auf keinen Fall. Das wollen wir, die die Revolution in der DDR vorangetrieben haben, schon selber verhandeln. Den Prozess der Selbstdemokratisierung der DDR hielten wir für eine ganz wichtige Voraussetzung, um gemeinsam zu bereden, wie die Einheit Deutschlands aussehen könnte.

Ist die Botschaft bei den Südkoreanern angekommen?
Zunächst einmal macht sich die Politik Gedanken, wie sie die gesunkene Zustimmung der südkoreanischen Bevölkerung zum Projekt Einheit Koreas wieder verbessern kann. Es ist ja auch den Bürgern in Südkorea nicht entgangen, was in Deutschland nach dem Mauerfall passierte. Zuerst die große Begeisterung und dann die Ernüchterung ob der ungeheuren Lasten. Vor allem in der jungen Generation schwindet das nationale Zusammengehörigkeitsgefühl. Die Wiedervereinigung ist für viele kein wichtiges Thema mehr.

Ist das die größte Parallele zum geteilten Deutschland?
Ich glaube, die Südkoreaner wissen noch weniger über die Nordkoreaner, als die Westdeutschen über die DDR wussten. Deshalb kommen die Nordkoreaner als Menschen, die auch selber handeln müssen, in ihren Überlegungen gar nicht vor. Obwohl sie uns das nicht sagten, weil sie sehr höflich sind, merkten wir, dass sie nicht besonders erfreut waren, wenn gerade wir aus der DDR Stammenden fragten: Welche Rolle spielen in all den Überlegungen und Szenarien die normalen Nordkoreaner? Wissen die überhaupt, wie die Menschen im Süden leben? Da herrscht ja eine völlig andere Situation als in der DDR, wo wir jeden Abend Westfernsehen geguckt haben und ganz gut über die Verhältnisse drüben Bescheid wussten.

Welche Tipps haben Sie denn, um das Kennenlernen auf der unteren Ebene zu fördern?
Sicher stößt das an Grenzen, im wahrsten Sinne. Trotzdem rate ich, alles zu versuchen, dass die nordkoreanischen Landsleute viel besser über das Leben im Süden informiert sind als bisher. Wenn ein Volk weiß, dass auf der anderen Seite auch ganz normale Menschen leben und es ihnen nicht nur materiell viel besser geht, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie sagen: Wir wollen uns befreien und vergleichbar leben. Ich glaube, in dem Punkt sind die Menschen in Europa und Asien nicht grundsätzlich verschieden. Vielleicht sind sie in Asien geduldiger, ehe sie aufmucken. Es wird nicht anders gehen, als einen Spagat zu probieren: mit dem Diktator verhandeln und gleichzeitig die Menschen im Norden zum Selberhandeln befähigen.

Haben die Südkoreaner einen Plan, was nach einem Zusammenbruch des Regimes im Norden passieren soll?
In der Tat scheinen die Politiker im Süden nur einen Weg zu einer künftigen Vereinigung zu sehen. Sie wollen Geld in den Norden pumpen, damit dort für den Weltmarkt produziert und der Lebensstandard der dortigen Bevölkerung letztlich verbessert wird. Dabei ist nicht nur das wirtschaftliche Ungleichgewicht zwischen den beiden annähernd gleich großen Landesteilen enorm, auch das Verhältnis zwischen den Menschen ist möglicherweise viel komplizierter als 1989 bei uns. Nord- und Südkorea haben gegeneinander Krieg geführt. Ich weiß nicht, wie viele Verletzungen, Rachegefühle und Wut noch in den Köpfen stecken. Deshalb bin ich nicht mal sicher, ob es dort solche Bilder wie bei uns nach dem Mauerfall gäbe, als sich wildfremde Menschen weinend in den Armen lagen.

Hat Ihr Tun als "Wiedervereinigungsexperte" für die Koreaner Ihre eigene Sicht auf die deutsche Vereinigung in irgendeiner Hinsicht geändert?
Zwei Dinge sind mir sehr deutlich geworden: Wie richtig es war, selbst zu handeln, um Veränderungen zu erreichen. Ich hoffe, dass die Entwicklung in Osteuropa die Koreaner und Chinesen bei der Lösung ihrer Probleme ermutigt. Zweitens habe ich begriffen, dass ohne Teilen und ohne Verzicht keine Konfliktlösung sowie Demokratie und Frieden möglich sind. Horst Teltschik hat den Südkoreanern klar gesagt, dass sie als die wirtschaftlich Stärkeren nach einer Vereinigung auf jeden Fall mehr werden geben müssen, als sie als materiell zurückbekommen werden. Das ist kein 50:50-Geschäft. Begrüßungsgeld, Solidarpakt et cetera, waren aber auch in der Bundesrepublik nur die eine Seite. Ebenso wichtig war 1990 zum Beispiel die Festschreibung der polnischen Grenze, was manche Leute gar nicht gut fanden. Wenn wir den Asiaten vermitteln können, dass sie auf ihre Art diesen europäischen Weg ebenfalls gehen sollten, hätten wir eine weitere wichtige Erfahrung gegeben.

Mit Rainer Eppelmann

sprach Gunnar Leue

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Bei den zentralen Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit stellt sich München auf eine Million Besucher ein. Zu dem Fest am heutigen Dienstag und morgigen Mittwoch wird die gesamte politische Spitze Deutschlands erwartet, mit Bundespräsident Joachim Gauck und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) als prominentesten Gästen. Die Polizei sichert die Veranstaltungen mit einem großen Aufgebot. In der Münchner Innenstadt sind mehrere Sperrzonen eingerichtet, in denen der normale Verkehr ausgeschlossen ist. München ist in diesem Jahr Gastgeber der zen-tralen Einheitsfeier, weil Bayern den Vorsitz des Bundesrats innehat. Bis morgen gibt es ein großes Bürgerfest auf der Ludwigstraße, der breitesten Prachtstraße Münchens. Dort und im Hofgarten der Residenz präsentieren sich unter anderem die 16 Bundesländer, die Verfassungsorgane und der bayerische Landtag. Gauck, Merkel, Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) und die restlichen Politiker wollen am 3. Oktober an einem Gottesdienst und anschließendem Festakt teilnehmen. Bei schönem Wetter ist ein gemeinsamer Spaziergang der Ehrengäste durch die Münchner Innenstadt geplant. Im kommenden Jahr wird Stuttgart Gastgeber der zentralen Einheitsfeier sein, weil Baden-Württemberg am 1. November turnusmäßig den Vorsitz des Bundesrats übernimmt.