Auf dem Cottbuser Hauptbahnhof herrschte im Dezember Trauerstimmung. Auf dem Gleis 2 wurde der Eurocity "Wawel" von Hamburg über Berlin nach Breslau zu Grabe gefahren. Für die polnische Seite war der Fernzug finanziell längst nicht mehr rentabel. Und der Deutschen Bahn reichten etwa 40 bis 60 Reisende pro Tag im Grenzabschnitt nicht aus, um die tägliche Verbindung allein weiterzuführen.

Kaum war der "Wawel" auf dem Abstellgleis, mussten auch die Sachsen einen empfindlichen Rückschlag in ihrem Bemühen um einen durchgehenden Bahnverkehr von Dresden über Görlitz nach Wroclaw einstecken. Für den Weiterbetrieb der Strecke seien die Mittel gekürzt worden, teilte die polnische Seite kurzerhand mit. Dreimal am Tag waren die 270 Kilometer seit 2009 im Fahrplan. Und nicht zuletzt steckt auch die Linie von Frankfurt (Oder) nach Posen im Gleisbett fest. Sie war erst im August 2014 in Betrieb genommen worden. Knapp ein halbes Jahr später folgte die Begrenzung des Betriebes auf zwei Tage pro Woche - ein Aus auf Raten. "Es fahren einfach zu wenige Passagiere mit", begründete die polnische Bahngesellschaft die Streichungen.

Diese Argumente hat der Europaparlamentarier Michael Cramer während einer Rundreise durch Grenzregionen im Vorjahr zur Genüge vernommen. Dennoch kommt für ihn "die erneute Kappung einer deutsch-polnischen Verbindung einem Offenbarungseid gleich". Deutschland und Polen würden 25 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs nicht einmal ein Mindestangebot an grenzüberschreitenden Bahnverbindungen sicherstellen können. "Heute verkehren weniger Züge als zu Zeiten des Kalten Krieges", schreibt Cramer den politisch Verantwortlichen ins Stammbuch. Und er verdeutlicht: "Wenn Breslau 2016 die Europäische Kulturhauptstadt wird, wäre sie nach jetzigem Stand von Deutschland aus per Zug nicht erreichbar." (siehe Infobox) Das sei auch für Europa eine fatale Entwicklung. Es werde gespalten, was zusammengehöre.

Für Cramer sind statt Krokodilstränen nun Taten gefragt: Mit vergleichsweise geringen Investitionen lassen sich die Verbindungen fit für das 21. Jahrhundert machen. Dabei würden von Berlin nach Breslau, Stettin oder Swinemünde jeweils lediglich 100 Millionen Euro benötigt. Bahnverbindungen wegen angeblich fehlender Tragfähigkeit einzustellen, "ist geradezu irrsinnig", sagt Cramer, wenn zugleich 17 von 23 deutschen Flughäfen defizitär betrieben und mit Staatsgeldern gestützt werden.

"Clever statt Klotzen" müsse deshalb in Europa das Motto sein. Statt an Geld mangele es zumeist an politischem Willen. "Wir müssen die Investitionen ausrichten auf das Zusammenwachsen Europas, die Schaffung guter Jobs und den Schutz des Klimas."

Für die Sachsen ist die gegenwärtige Situation "ein unhaltbarer Zustand". Bei seinem jüngsten Besuch in Warschau machte Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) deshalb Druck. Zwei Lösungen hat er im Blick: Kurzfristig müssten erstmal wieder Züge fahren. Langfristig gehört die 270 Kilometer lange Strecke zwischen sächsischer Landeshauptstadt und der Kulturhauptstadt Europas 2016 in einen europäischen Verkehrskorridor eingebunden, als Teil der Verkehrsachse Paris-Kiew. Dafür müssten beide Seiten in Brüssel werben, betonte Tillich auf der Polen-Reise.

Die polnische Ministerin für Infrastruktur und Entwicklung, Maria Wasiak, ließ sich ein Stück weit überzeugen. Sie will einen Staatssekretär beauftragen, die Zukunftschancen der Strecke auszuloten. Doch bis auf Weiteres wiegen für die polnische Seite Kosten-Nutzen-Erwägungen schwerer. Und die hingen beim Dresden-Wroclaw-Express schief, wie Innenstaatssekretär Piotr Stachanszyk Tillich vorzählte.

Noch vor fünf Jahren fuhren dort 200 Leute pro Zug, jetzt seien es nur noch 100. Die europäische Verkehrsachse ist damit eine Angelegenheit des Nahverkehrs, die die Regionalverkehrsverbände beiderseits der Grenze aushandeln müssten. Und die streiten noch darüber, wie die 800 Meter zwischen den Bahnhöfen Görlitz und Zgorzelec überbrückt werden können. "Am günstigsten für uns wäre, wenn unsere Züge bis Görlitz fahren könnten", schlägt der Breslauer Vize-Marschall Andrzej Kosior vor. Die polnische Seite könnte damit erhebliche Elektrifizierungskosten sparen.

Unterdessen hat Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) die Einstellung der Verbindungen nach Breslau als "einen Rückschritt", bezeichnet. Der Polenbeauftragte der Bundesregierung verwies in dieser Woche gegenüber Abgeordneten des polnischen Sejm in Berlin daruf, dass sich die Regierungen in Berlin und Warschau "für bessere Eisenbahnverbindungen zwischen beiden Ländern einsetzen müssen". Woidkes Ziel sei es, "dass 2016 die Europäische Kulturhauptstadt Breslau auf direktem Weg mit der Bahn aus Deutschland erreichbar ist".

Der in Forst an der Grenze zu Polen wohnende Regierungschef will bei den nächsten deutsch-polnischen Konsultationen im April die gekappten Bahnlinien erneut ansprechen. Es bleibt abzuwarten, ob die These des Europapolitikers Cramer widerlegt werden kann, "dass es statt an Geld zumeist an politischem Willen mangelt".

Zum Thema:
Das polnische Wroclaw (Breslau) wird 2016 Europäische Kulturhauptstadt. Einen Vorgeschmack auf das umfangreiche Programm gibt es bereits am 20. Juni dieses Jahres: Gut zwei Dutzend Brücken der Stadt in Niederschlesien sind dann gesperrt und werden zur Bühne und zum Kunstobjekt. Die Performance "Brücken" ("Mosty") ist durchaus symbolisch gemeint. Das Kulturhauptstadtjahr soll Brücken bauen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Ost und West und zwischen den Nationen, die mit der Geschichte Breslaus verbunden sind. Einen Tag vor der Performance wird das Programm für 2016 vorgestellt. Breslau ist nach Krakau (im Jahr 2000) erst die zweite polnische Stadt, die als Europäische Kulturhauptstadt ausgewählt wurde.