Der Senftenberger IT-Unternehmer Sven Reichel ist Initiator der ZuseExpo 2015. Sie wird in der Lausitzhalle Hoyerswerda (28./29. Oktober) gut 70 Aussteller der Branche aus Sachsen und Brandenburg zusammenführen. Seine Vision ist eine IT-Region Lausitz, die mit der Messe angeschoben werden soll.

In Vorrecherchen hat der Jungunternehmer, der an der ehemaligen Hochschule Lausitz studiert hat, eine Erkenntnis aufgesammelt, die er so nicht mehr erwartet hätte: "Viele kleine IT-Firmen in der Lausitz schmoren im eigenen Saft. Es gibt kaum Austausch, von Netzwerken ganz zu schweigen." Woran das liegt, ist für Reichel schwer zu erklären. Er kann nur aus der Praxis seiner Larus GmbH berichten, die Software für Mittelständler der Region entwickelt. Die Firma laufe zurzeit vor Aufträgen über, deshalb würden Netzwerkpartner einbezogen, "die Aufträge zu unserer Qualität erledigen".

Das Phänomen der Zurückhaltung beim Netzwerken im Osten wird seit Mitte der 1990er-Jahre in Studien immer wieder beschrieben. Ursachen dafür liegen nach Ansicht des Hauptgeschäftsführers der IHK Cottbus Wolfgang Krüger in der Gründungsgeschichte nach der Wende begründet: Wenn vieles auch differenziert zu bewerten sei, "es gab und gibt noch immer ein Stückchen Angst vor Transparenz. Davor, Geschäftszahlen offen legen und etwas preisgeben zu müssen". Da könnten andere das selbst erworbene Wissen für sich nutzbar machen, erklärt Krüger.

Mit diesen verbreiteten Auffassungen hat sich Krüger auch in seiner Amtszeit als Staatssekretär im Potsdamer Wirtschaftsministerium (2004-08) auseinandersetzen müssen. "Bildung von Netzwerken wurde damals mit der Akquise von Aufträgen gleichgesetzt. Ein Grundfehler", sagt Krüger. Heute hat sich lange die Erkenntnis durchgesetzt, dass es um Partnerschaften geht, in denen Aufträge auch mal weitergegeben werden. Netzwerke können die Innovations- und Exportfähigkeit befördern. Gemeinsam lasse sich auch die Zurückhaltung bei der Risikobereitschaft eher überwinden. Brandenburgs Cluster von Kunststoff/Chemie über Elektrotechnik bis Metall in der Lausitz laden nahezu zum Netzwerken ein.

Als Element einer erfolgreichen Industrialisierungs-Strategie in den neuen Ländern beschreibt auch der jüngst in der RUNDSCHAU-Serie "Lausitz 2030" ausgewertete Industrie-Atlas Ost die Teilnahme an Netzwerken. In der 2013 vom Hie-Ro-Institut der Universität Rostock herausgegeben umfassenden Ost-Analyse machen die Wissenschaftler deutlich, "dass dem industriellen Mittelstand Ost weitgehend die regionalen Wirtschaftskreisläufe fehlen". Der Projektleiter der Studie, Prof. Gerald Braun, bringt dieses Manko auf den einfachen wie treffenden Nenner: "Nicht der Kleinbetrieb ist das Problem, sondern die Einsamkeit."

Software-Entwickler Sven Reichel erkennt im Netzwerken in seiner Branche eine Riesenchance für Jungunternehmer. Sich an größere Aufträge heranzuwagen, könne nur gemeinsam gelingen. "Es muss uns gelingen, die Vorteile deutlich zu machen. Aber auch Grenzen abzustecken", betont Reichel. Er sieht die ZuseExpo auch als Austausch-Börse an, will IT-Unternehmen, potenzielle Kunden und heranwachsende Fachkräfte zusammenbringen. "Für mich ist die Messe auch ein Stück Personalakquise", erklärt der 35-Jährige seine Vision einer Messe vom und für den Mittelstand. Reichel ist zuversichtlich mit der ZuseExpo einen Schritt in Richtung zu einer IT-Region Lausitz voranzukommen.

Trotz der Kritik an der Kooperationsbereitschaft im Osten sieht der IHK-Hauptgeschäftsführer die jungen Unternehmer auf einem guten Weg. Der Netzwerk-Gedanke rangiere bei ihnen oft ganz oben. Dafür steht auch Sven Reichel mit seiner Firma und der ersten ZuseExpo.

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