| 13:07 Uhr

Warum laufen junge Mädchen zum IS nach Syrien?

Das Standbild eines undatierten Propaganda-Videos, welches von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) am 19.05.2017 ins Internet gestellt wurde und über die Associated Press am 10.06.2017 zur Verfügung gestellt wurde, zeigt IS Kämpfer in Deir ez-Zor (Syrien).
Das Standbild eines undatierten Propaganda-Videos, welches von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) am 19.05.2017 ins Internet gestellt wurde und über die Associated Press am 10.06.2017 zur Verfügung gestellt wurde, zeigt IS Kämpfer in Deir ez-Zor (Syrien). FOTO: Uncredited (Militant Photo)
Pulsnitz/Mossul. Noch fehlt der Beweis. Hinweise deuten aber darauf hin, dass eine 16-Jährige aus Ostsachsen, die im vergangenen Jahr verschwunden ist, wieder aufgetaucht ist: als IS-Kämpferin in Mossul. Was treibt ein junges Mädchen in die Armee der Radikal-Islamisten? dpa/bob

Zunächst die Fakten: Bei einer Militäroperation in der irakischen Stadt Mossul sind am Wochenende fünf IS-Anhängerinnen aus Deutschland festgenommen worden sein. Nach einem Bericht der "Welt" befindet sich darunter auch die sächsische Schülerin Linda W. (16). Ein Offizier der irakischen Anti-Terror-Kräfte berichtete am Montag, die Frauen hätten sich in einem Tunnelsystem der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) versteckt. Sie hätten Waffen und Sprengstoffgürtel in ihrem Besitz gehabt, um die irakische Truppen anzugreifen. Demnach arbeiteten sie für die Polizei des IS.

Die Sicherheitsbehörden prüfen seitdem Hinweise, wonach eine der Festgenommenen eine 16-Jährige aus Pulsnitz ist. Sie war im Sommer 2016 verschwunden, kurz nachdem sie zum Islam konvertiert war. Das Landeskriminalamtes Sachsen (LKA) teilte am Dienstag lediglich mit: "Wir können gegenwärtig nicht sagen, ob sich die neuen Informationen auf sie beziehen." Diese würden aktuell geprüft und bearbeitet. Am Montagabend widersprach dann die irakische Armee den Darstellungen. Alle Frauen seien älter als 30 Jahre, sagte ein Offizier der irakischen Anti-Terror-Einheiten der Deutschen Presse-Agentur. Er widersprach damit Angaben, unter den festgenommenen Dschihadistinnen sei möglicherweise auch ein verschollenes Mädchen aus Sachsen.

Der Fall Linda W.: Das Verschwinden der damals 15-Jährigen hatte im Sommer 2016 für Aufsehen in Ostsachsen gesorgt. Die Schülerin war kurz zuvor zum Islam konvertiert. "Es ist leider so, dass sie von irgendjemand geworben worden ist und eine richtige Gehirnwäsche gekriegt hat", sagte die Mutter damals. Linda W. soll über Internet-Chats mit IS-Anhängern in Kontakt gestanden haben. Die Staatsanwaltschaft in Dresden ermittelte gegen sie wegen Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat. Angeblich war das Mädchen nach Istanbul gereist. "Ich hoffe, dass sie noch in der Türkei ist und dass sie uns helfen können, sie da wieder rauszuholen", so die Mutter im Sommer 2016.

Die Fakten dahinter: Sollte Linda W. tatsächlich in Mossul verhaftet worden sein, droht ihr ein Verfahren in Sachsen. Ein Einzelfall ist sie nicht. Laut Verfassungsschutz sind etwa 100 Frauen bundesweit zum IS nach Syrien oder in den Irak ausgereist - im Schatten der deutlich zahlreicheren jungen Männer.

Der Fall Nimet: "Pinguine" schimpft Nimet die schwarzverschleierten Frauen auf der Straße anfangs noch. Mit dem Islam hat die 16 Jahre alte Berlinerin nichts am Hut. Schminke im KaDeWe testen, buddhistische Weisheiten im Internet posten und Männer provozieren, damit verbringt sie ihre Freizeit. Dann tritt die Konvertitin Nour in ihr Leben. Und auf ihrem Handy gehen Nachrichten eines Unbekannten ein, der angeblich Flüchtlingen in der Türkei hilft. Binnen kurzer Zeit trägt Nimet selbst Kopftuch. Sie wird Dschihad-Braut und kehrt Berlin den Rücken.

Der Fall ist nicht real. Die Journalistin Güner Balci hat in in ihrem Buch "Das Mädchen und der Gotteskrieger" rekonstruiert, aus realen Fällen junger Mädchen, die von Anhängern des Islamischen Staates (IS) auch in Europa rekrutiert wurden. Ihre Figur Nimet wächst in Berlin ohne Religion auf. Die Eltern leben getrennt. Nimets Religionslücke füllen die Extremisten auf perfide Weise: allen voran die dominante Nour. Nimet steht der jungen Frau zwar zunächst mit großer Skepsis gegenüber. Letztlich wird Nour aber doch ihr Vorbild einer reinen Gläubigen. Denn parallel wirken die nächtlichen Handy-Chats mit dem Mann namens Saed auf sie ein. Sein angebliches Engagement lässt sie die Leere ihres Alltags erkennen. Über Flüchtlingshilfe wird sie hineingezogen in Nours Gemeinde.

Saed, von dem sie nur die Stimme kennt, führt Nimet an einen Glauben heran, den sie für den ihren hält. Er lullt sie ein, sie findet endlich Anerkennung - als die Eine. Seine Liebesversprechen erscheinen damit so viel verbindlicher als die bisherigen Erfahrungen mit Macho-Jungs. Die neuen Freunde säen zudem Zweifel am alten Weltbild: Die westlichen Medien zeichneten ein falsches Bild des Islam und des Krieges in Syrien - Stichwort "Lügenpresse". Die Rolle der Frau sei tatsächlich sehr mächtig.

Die perfide Propaganda: Dass solche Fälle tatsächlich so ablaufen, bestätigt "Die Internetpropaganda ist nach wie vor sehr stark - die wissen, wie man die Jugendlichen emotional abholt", sagt Verfassungsschutz-Chef Hans-Georg Maaßen. "Die Propaganda ist jedenfalls sehr jugendgerecht und spricht junge Leute an, die auf der Suche nach Hilfe und Orientierung in einer schwierigen Lebensphase sind." Dabei gehen die Propagandisten des IS gezielt vor. "Bei den Mädchen spielt eher die Romantik eine große Rolle; in den sozialen Gruppen gibt es da oft gegenseitige Stimulation", so Maaßen.

Die Beratungsstelle Radikalisierung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) verzeichne einen starken Anstieg der Beratungen, in denen es um die religiöse Radikalisierung von Mädchen geht. Nach Angaben von Michael Kiefer vom Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück sind "bereits 13-Jährige unter den Mädchen, die sich radikalisieren". Die Altersgrenze verschiebe sich immer weiter nach unten. Anders als bei Jungen, die häufig provozierten und konfrontativ seien, vollziehe sich die Radikalisierung von Mädchen im Stillen, sagte Kiefer. "Wir sprechen von einer Kinderzimmerradikalisierung."

Die deutschen Sicherheitsbehörden können der islamistischen Propaganda im Netz bislang nichts entgegensetzen, warnt auch die Bundesregierung. "Die Propaganda vom IS ist so verführerisch, so mörderisch verführerisch, so intelligent und gut gemacht", sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) im Februar auf der Münchner Sicherheitskonferenz. "Wir haben bisher kein Mittel gefunden, um dagegen erfolgreich zu sein."

Der Fall Safia: Als Märtyrerin wollte die 16-jährige Safia S. aus Hannover 2015 für die Terrormiliz IS Schrecken verbreiten, ihr Bekennervideo für die Messerattacke auf einen Polizisten war schon gedreht. In die Öffentlichkeit kam sie bloß mit einem Fahndungsfoto der Polizei. Hinter verschlossenen Türen hat das Oberlandesgericht Celle die Schülerin 2016 zu sechs Jahren Haft verurteilt - für die erste vom IS in Deutschland beauftragte Terrortat. Diese hatte der angegriffene Beamte schwer verletzt überlebt.

Safia S. hat keines ihrer Ziele erreicht. Der Propaganda-Maschinerie des IS waren die Stiche mit einem Gemüsemesser kaum eine Schlagzeile wert. Und während ihre Mitschüler am Gymnasium in Hannover inzwischen für das Abitur büffeln und Berufs- und Studienpläne schmieden, wartet auf die schon seit der Tat inhaftierte Safia, die nach den Worten ihres Vaters ein liebes Mädchen und eine gute Schülerin ist, eine weitere lange Zeit hinter Gittern.

Zurück zu Linda W.: Die Staatsanwaltschaft in Dresden ermittelt gegen sie wegen Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat, stellte die Ermittlungen wegen Abwesenheit des Mädchens aber ein. Falls sie auftaucht, werden die Ermittlungen wieder aufgenommen, kündigte ein Sprecher am Dienstag an.