ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 02:38 Uhr

Warum junge Leute nach Polen auswandern

Matthias (M.) erntet oft ungläubige Blicke, wenn er erzählt, dass er seit 2012 in Breslau lebt.
Matthias (M.) erntet oft ungläubige Blicke, wenn er erzählt, dass er seit 2012 in Breslau lebt. FOTO: privat
Breslau/Wroclaw. Für viele Polen ist Deutschland neben Großbritannien das beliebteste Auswanderungsziel. Umgekehrt entdecken gerade junge Deutsche den Reiz, nach Osten auszuwandern – trotz niedriger Löhne. Drei Beispiele aus Breslau. Marie Baumgarten

Ganz oben auf der Liste der beliebtesten Auswanderungsländer der Deutschen steht die Schweiz, gefolgt von den USA und Österreich, denn dort warten attraktive Gehälter. Doch schon Platz vier auf der Rankingliste belegt Polen. Und das, obwohl die Löhne hier um gut ein Drittel unter den deutschen liegen.

Rund 8000 Deutsche wandern jährlich nach Polen aus, mehr, als von dort zurückkommen. Laut einer Studie deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) von 2015 sei der Hauptgrund für die Abwanderung aus Deutschland nicht der Wunsch nach finanziellem Aufstieg, sondern neue Erfahrungen.

Matthias, 32, gründete den internationalen Stammtisch "Tower of Babel": "Wenn ich den Menschen in Deutschland erzähle, ich lebe in Polen, tritt meist betretenes Schweigen ein. Dann folgt die unvermeidliche Frage: Warum? Aber auch in Polen ernte ich dafür ungläubige Blicke", erzählt er. Es war die Neugier auf den "Wilden Osten", die Matthias im Jahr 2012 nach Breslau trieb. Hier lebt er sich schnell ein, knüpft Kontakte und gründet mit dem Babel-Tower einen kultigen Treffpunkt, der dem interkulturellen Austausch eine Stimme gibt und zum Symbol der Völkervielfalt der niederschlesischen Hauptstadt wird. "Alle Nationen sind dort bunt zusammengewürfelt. Gerade hier sieht man, wie international Breslau ist." Und genau das mag er an der Stadt. Bei dem Stammtisch lernt er Claudia und Adrian kennen.

Claudia, 27, kehrt zu ihren Wurzeln zurück:

Sie kam 2013 nach Breslau. Hierher führen die gebürtige Bremerin ihre familiären Wurzeln. Ihre Mutter ist Polin, sie stammt aus Trebnitz und ging damals den umgekehrten Weg. Ihrer großen Liebe folgte sie nach Deutschland, wo sie bis heute lebt.

Claudia zog es zurück in die Geborgenheit der polnischen Familie. "Ich liebe es traditionell und familiär." Fast jeden Sonntag schlenderte Claudia über den Trödelmarkt. Ein altes Hollandfahrrad hatte sie sich hier gekauft, einen Kleiderschrank, Tische und Stühle für ihre Eigentumswohnung. In Polen wird nicht gemietet, hier kauft man. "Meine Wohnung ist mein Auffangpunkt. Was auch passieren mag, hierher komme ich wieder zurück, hier werde ich alt."

Adrian, 26, kam aus Portugal nach Breslau:

Adrian ist Weltverbesserer und hilft als Freiwilliger bei der Kulturhauptstadt - daneben hat er noch einen "richtigen" Job. Seit gut vier Jahren lebt der studierte Musikwissenschaftler in Breslau. Aufgewachsen ist der 26-Jährige in einer Kleinstadt in Portugal. Deutsch lernte er von seinem Vater. Auch der wanderte damals aus, von Deutschland in den Süden.

Als für Adrian die Straßen Portugals zu eng wurden, verschlug es ihn zuerst nach Deutschland. Dort gehalten hat ihn nichts. Obwohl Adrian einen deutschen Pass hat. "Ich wollte einfach weiter."

Nach Polen führt ihn schließlich das erste Job-Angebot nach der Uni. "Und ich bin geblieben." Zuerst war er IT-Spezialist bei Google, jetzt ist er bei dem Weltunternehmen IBM. Sein Verdienst ist mehr als doppelt so hoch wie ein polnisches Durchschnittseinkommen. "Davon kann ich gut leben, zumindest in Polen". Er wirkt zufrieden.

Zufrieden mit seinem Gehalt ist auch Matthias. Sein Arbeitgeber ist die Schweizer Großbank Credit Swiss. Mit deutschem Einkommen ließe sich seines zwar nicht vergleichen, sagt er, aber schließlich sei er auch nicht nach Polen gekommen, um das große Geld zu machen.

Anders bei Claudia. Mit ihrem Verdienst in einem kleinen deutschen Start-up-Unternehmen war sie nicht zufrieden: "Ich werde es so machen wie die Polen, ich werde in andere Länder gehen, um dort richtig zu verdienen. Nach ein paar Jahren komme ich dann mit meinen Ersparnissen wieder zurück."

Diesen Plan verfolgten im vergangenen Jahr rund zwei Millionen Polen auf der Suche nach finanzieller Unabhängigkeit. Derzeit steht das Land vor der zweitgrößten Auswanderungswelle seiner Geschichte. Claudia lebt derzeit in Kopenhagen, wo sie das Geld verdient, mit dem sie nach Breslau zurückkommen will. Matthias und Adrian sind angekommen.

Blick in die Altstadt von Breslau. Die niederschlesische Hauptstadt mit vielen Kulturevents und Kneipen ist besonders bei jungen Leuten beliebt.
Blick in die Altstadt von Breslau. Die niederschlesische Hauptstadt mit vielen Kulturevents und Kneipen ist besonders bei jungen Leuten beliebt. FOTO: dpa