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| 02:44 Uhr

Warum Gemüse tödlich sein kann

Heidenheim. Ein giftiger Stoff in Kürbisgewächsen kann zum Tod führen. In Baden-Württemberg starb ein Mann, der eine Garten-Zucchini gegessen hatte. Der Fall überrascht selbst Experten. Aber auch beim Umgang mit etlichen anderen Gartenpflanzen ist Vorsicht geboten. Simone Andrea Mayer

Ein 79-jähriger Mann ist an einer schweren Vergiftung durch eine Garten-Zucchini gestorben - jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft in demTodesfall (die RUNDSCHAU berichtete). Der Senior hatte einen Auflauf mit der selbst angebauten Zucchini gegessen. "Es muss geprüft werden, ob jemandem ein Vorwurf am Tod des Mannes gemacht werden kann oder ob Schicksal dafür verantwortlich ist", sagte ein Sprecher der Ermittlungsbehörde in Ellwangen in Baden-Württemberg.

Vor zwei Wochen war er mit seiner Frau dem Klinikum Heidenheim zufolge mit Anzeichen einer Magen-Darm-Infektion in dem Krankenhaus aufgenommen worden. "Dann sind wir über Zucchini gestolpert", sagte der Ärztliche Leiter der zentralen Notaufnahme im Klinikum Heidenheim, Norbert Pfeufer. "Der Mann hat berichtet, es hat furchtbar bitter geschmeckt. Und er hat es trotzdem gegessen." Er sei bereits am Sonntag an den Folgen der schweren Vergiftung gestorben. Seine 72 Jahre alte Frau habe offenbar weniger gegessen und konnte nach kurzer Behandlung wieder entlassen werden.

Höchst seltener Fall

Wenn Zucchini, Gurken und Kürbissuppe bitter schmecken, ist Vorsicht geboten, warnt das Chemische- und Veterinäruntersuchungsamt Stuttgart (CVUA). Das Gemüse könnte dann die giftige Substanz Cucurbitacin enthalten. Der Todesfall des 79-Jährigen sei aber der erste registrierte durch den Bitterstoff in einer Zucchini, sagte Maria Roth, die das CVUA leitet und die Zucchini-Probe im Auflauf untersucht hat.

Auch Detlef Hergenröther, Toxikologe und Internist im Cottbuser CTK sagt gegenüber der RUNDSCHAU: "Einen solch drastischen Fall, dass jemand gestorben ist, habe ich noch nicht erlebt. Solche Vergiftungen kommen gelegentlich auch durch den Verzehr von Zierkürbis vor und können aber im schlimmsten Fall bis zum Atemstillstand führen."

Ursache sei der Bitterstoff Cucurbitacin, erklärt Hergenröther. In Gurken und Zucchini sei diese Substanz eigentlich weggezüchtet, aber wenn Hobbygärtner anfangen aus Samen selbst Pflanzen zu ziehen, könnten diese wieder Bitterstoff enthalten. Da man das aber deutlich schmecke, gebe es nur eine Regel, betont Hergenröther: "Bittere Zucchini sofort wegwerfen." Weil Cucurbitacin ein starkes Zellgift ist, sei sogar mal versucht worden, es in der Krebsbekämpfung einzusetzen. Wegen der starken Nebenwirkungen hat man das aber schnell wieder aufgegeben.

1935 war laut CVUA-Expertin Roth die erste Vergiftung am Menschen durch die Substanz in Kürbisgewächsen in Südafrika beobachtet worden. Das Gift könne die Schleimhaut im Magen-Darm-Bereich auflösen.

Nicht zertifizierte Samen meiden

Der Stoff gehe auch beim Kochen nicht kaputt, betont Roth. Ihren Angaben zufolge könnte auch die langanhaltende Hitze die Ursache sein. "Manche Pflanzen, die in Stress geraten, produzieren Gifte", sagte die Expertin.

"Das Hauptrisiko liegt im Kleingärtnerbereich, wenn die Gärtner mit eigenen Samen jedes Jahr wieder Zucchini hochziehen", sagte Pfeufer. Durch nicht zertifizierte Pflanzensamen erhöhe sich bei Kürbisgewächsen die Wahrscheinlichkeit, dass die Früchte die giftige Substanz enthalten, sagte Thomas Wagner vom Bundesverband Deutscher Gartenfreunde. Saatgut solle deshalb nur im Fachmarkt erworben und auch nicht mit selbst gezogenen Samen gemischt werden.

Allerdings ist keinesfalls bloß beim Verzehr von Zucchinis oder Kürbissen eine gewisse Vorsicht angeraten. Viele andere beliebte Gartenpflanzen sind giftig für Menschen und für Haustiere.

Weitere giftige Pflanzen

Grüne Bohnen sollten nicht roh gegessen werden. Ihre Samen und Hülsen enthalten Phaseoline - giftige Pflanzeneiweißverbindungen, die starke Bauchschmerzen, Übelkeit und Erbrechen verursachen können. Auch Tulpen haben es mitunter in sich: Schon bei Hautkontakt riskieren Hobbygärtner ohne Handschuhe Jucken, Rötungen und Schwellungen. Das Verschlucken löst Erbrechen, Bauchschmerzen, gegebenenfalls auch einen Abfall der Körpertemperatur, Schock, Apathie und bei sehr großen Mengen einen Atemstillstand aus. Auch ein Öl der Heckenpflanze Thuja ruft bei Berührung Hautirritationen hervor.

Nach dem Kontakt sollten sich Hobbygärtner die Hände waschen. Wird etwas davon verschluckt, drohen laut der Giftzentrale Bonn Brechreiz und Durchfall, in seltenen Fällen Leber- und Nierenschäden sowie Krampfanfälle. Sehr giftig sind auch Eiben, Goldregen, Rittersporn, blauer und gelber Eisenhut und die Engelstrompete. Bei Osterglocken ist sogar das Blumenwasser toxisch.

Zeichen der Vergiftung

Erbrechen und Durchfall sind typische Anzeichen. Manche Pflanzen führen auch zu Benommenheit und Krämpfen. Erweiterte Pupillen können ein weiterer Hinweis auf eine Vergiftung sein. Der Rittersporn kann bei Verschlucken auch Taubheitsgefühle an Zunge, Händen und Zehen, Schweißausbrüche sowie Koliken und Atemlähmung auslösen. Würgereiz, stark rot gefärbte Lippen und Kreislaufversagen sind weitere Warnsignale bei Vergiftungen.

Was tun bei Gesundheitsgefahr?

Mit einem Anruf bei der örtlichen Giftnotrufzentrale. Dort geben Experten Ratschläge, was bei welcher Pflanze zu tun ist. Unter www.gizbonn.de findet sich auch eine Übersicht über Symptome und Handlungsanweisungen. Als Erstbehandlung trinkt der Betroffene am besten stilles Wasser, um das Gift zu verdünnen. Kohletabletten binden das Gift, sie sollten also im Medikamentenschrank vorrätig sein.

Tabu ist Milch, sie kann die Aufnahme des schädlichen Stoffes durch den Darm beschleunigen. Sobald sich Symptome wie Übelkeit oder Benommenheit zeigen, sollte der Notarzt gerufen werden. Im besten Fall nimmt man Teile der verschluckten Pflanze mit ins Krankenhaus, damit die Ärzte wissen, woher die Vergiftung stammt.

Richtige Vergiftungen treten auf, wenn man Pflanzenteile verschluckt. Aber Hobbygärtner können schon bei der Gartenarbeit betroffen sein. Neben Narzissen, Hyazinthen und Primeln lösen auch viele Mitglieder der Familie der Korbblütler wie Arnika, Beifuß und Ringelblume Hautreizungen aus, erklärt die Deutsche Haut- und Allergiehilfe (DHA).

Besonders schmerzhaft kann der Kontakt zu Wiesenraute, Bergamotte, Sellerie und Petersilie sein. Darin enthaltene Stoffe namens Furocumarine wirken bei Sonneneinstrahlung, es können auf der Haut starke Rötungen und schmerzhafte Blasen entstehen.

Was gegen Hautreaktionen hilft

Die Haut unter fließendem, kalten Wasser abwaschen, kühlende Umschläge lindern den Juckreiz. Ein Hautarzt oder Allergologe kann mit Hilfe eines Tests die Reizbarkeit bestätigen und sie behandeln. Salben oder Cremes mit Glukokortikoiden oder Antihistaminika lassen Entzündungen oder den Juckreiz dann verschwinden.

Die DHA erklärt aber, dass die akuten Symptome auch ohne Behandlung innerhalb weniger Tage abklingen, wenn man von den Pflanzen fernbleibt. Und in Zukunft sollte man einfach mit Handschuhen gärtnern.

Zum Thema:
Ihren manchmal bitteren Geschmack haben die Früchte von Kürbisgewächsen dem giftigen Stoff Cucurbitacin zu verdanken. In der Natur produzieren die Kürbis-, Zucchini-, Gurken- und Melonenpflanzen das Toxin nach Angaben des Chemischen und Veterinäruntersuchungsamtes (CVUA) Stuttgart zur Abwehr vor Fressfeinden. Es kann in den Wurzeln, Blättern, Früchten und Samen der Gewächse enthalten sein. Damit Menschen das Fruchtfleisch essen können, wird die Substanz herausgezüchtet. Eine Vergiftung durch Cucurbitacin kann zu Erbrechen, Speichelfluss oder Durchfall führen - und in besonders schlimmen und sehr seltenen Fällen zum Tod.