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| 19:26 Uhr

Warum es so schwer ist, sich an die DDR korrekt zu erinnern

Die DDR - ein Sozialparadies? -
Die DDR - ein Sozialparadies? - FOTO: Foto: dpa
Berlin. Die DDR ist Geschichte. Aber auch 20 Jahre nach der friedlichen Revolution wird noch immer über die Einordnung jenes untergegangenen Staates gestritten, der heute vor 60 Jahren, am 7. Oktober 1949, gegründet worden war. Was ist der Kern dieses Streits? Wie lassen sich DDR-Nostalgie im Osten einerseits und schiefe Bilder im Westen andererseits erklären? Der Philosoph Richard Schröder (65) hat in einer Rede zur Verleihung des Deutschen Nationalpreises in Weimar einige Antworten gefunden. Die RUNDSCHAU dokumentiert sie in gekürzter Fassung. Von Richard Schröder

Warum sind sich die Ostdeutschen so uneinig über die Beurteilung der DDR? Ich will einige Gründe nennen. Der wichtigste Grund liegt in den DDR-Verhältnissen selbst. Jeder hat nur seine DDR erlebt, denn es gab keine freie, gemeinsame Öffentlichkeit. Wenn heute ein ehemaliger DDR-Bürger nach hitziger Debatte einem anderen vorwirft: „Sie müssen in einer anderen DDR gelebt haben als ich“, hat er womöglich ungeahnt ins Schwarze getroffen. Ein NVA-Offizier, ein LPG-Bauer und ein Pfarrer haben tatsächlich jeder einen anderen DDR-Alltag erlebt und vom DDR-Alltag der anderen wenig gewusst.

Ein zweiter Grund war die Zensur der öffentlichen Meinung. Ich habe in den 70er-Jahren meine Konfirmanden regelmäßig gefragt, ob es in der DDR die Todesstrafe gibt. Sie haben das durchweg verneint. Die Vollstreckungen wurden nämlich geheim gehalten. Auch die DDR-Geschichte selbst war vielen eine terra incognita, wie der 17. Juni 1953, der Terror der Stalinzeit, die Vertreibungen im Zusammenhang mit der Bodenreform, die Brutalitäten der Zwangskollektivierung. Selbst der Einmarsch in die CSSR 1968 war in den 80er-Jahren manchen jungen Leuten unbekannt.

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Denn in vielen Elternhäusern wurde all dies vorsichtshalber verschwiegen. Nach 1990 hörten wir von einer Familie, deren Eltern, alte Kommunisten, beide unter Stalin im Lager waren und ihren Kindern nie davon erzählt hatten. Viele erfuhren erst 1990, dass einige der KZ vom sowjetischen Geheimdienst nach 1945 weiter benutzt wurden. Selbst die Zahl der Selbstmorde war Staatsgeheimnis und dem statistischen Jahrbuch nicht zu entnehmen. Die Kriminalstatistik wurde geheim gehalten, sodass nach 1990 viele der Meinung waren, die Kriminalität wachse sprunghaft, was bei Autodiebstählen zutraf, nicht aber bei Schwerkriminalität. Geändert hatte sich nur die Berichterstattung.

Ich hatte voriges Jahr einen Briefwechsel mit einer Lehrerin, die mir erklärte, ihre Heimat sei die DDR gewesen, dieses Deutschland sei nicht ihre Heimat und werde es nie werden. Ich habe sie gefragt, ob sie denn mit ihren Kindern und Schülern auch über den Stalin-Hitler-Pakt, den 17. Juni 1953, den 21. August 1968 oder Stasi-Praktiken gesprochen habe. Sie hat mir ehrlich geantwortet, teils habe ihr der Mut dazu gefehlt, aber vieles sei ihr auch damals nicht bekannt gewesen. Da ist mir klar geworden, dass viele, die von der DDR schwärmen, genauer besehen die DDR meinen abzüglich dessen, was sie erst nach ihrem Ende von ihr erfahren mussten. Sie wünschen sich mit der DDR auch das damalige Nichtwissen zurück, eine subtile Form von Wirklichkeitsverweigerung. Es gab auch in der Geschichte der Bundesrepublik Skandale – massenhaft. Der Unterschied zur DDR ist der: Sie standen größtenteils sehr schnell in der Zeitung. Viele DDR-Skandale wurden aber den Bürgern erst nach ihrem Ende bekannt. Der Unterschied ist keiner der Moral, der Sittlichkeit oder des Anstands., sondern ein institutioneller: Im Westen gab es eine freie Presse und im Osten nicht.

Ein dritter Grund: Erinnerung vergoldet. Ich will gar nicht grundsätzlich kritisieren, dass wir uns der erfreulichen Dinge intensiver erinnern als der unerfreulichen. Man kann dies sogar als Lebenskunst loben. Und zu jedem Alltag gelebten Lebens, ob in der Demokratie oder der Diktatur, gehörten Lieben und Trauern, Alltagssorgen und Alltagsfreuden, Freundschaften und Feindschaften, Großherzigkeiten und Gemeinheiten, schönes Wetter und trübe Tage, Erfolge im Beruf und Niederlagen, und wer diese Elemente des richtigen Lebens im verkehrten nicht anerkennen will, ist ein Fanatiker. Der Theologe Karl Barth hat einmal sinngemäß gesagt: Ein Christ kann auch in der Diktatur selig werden und in der Demokratie zur Hölle fahren, sprich ein heilloses Leben führen. Trotzdem wird er sich für Recht und Freiheit einsetzen.

Ostdeutsche können durchaus stolz darauf sein, was sie unter den Bedingungen der Diktatur und der Mangelwirtschaft in Familie und Beruf geleistet haben, aber bitte doch nicht plötzlich stolz sein wollen auf die erschwerenden Bedingungen! Im Herbst 1989 fand eine sehr bedeutende Anzahl der Ostdeutschen ihre politischen Lebensbedingungen unerträglich und haben zunächst massenhaft die Flucht ergriffen und dann massenhaft demonstriert. Die DDR-Nostalgiker müssten konsequenterweise erklären, dass sie sich damals geirrt haben. In Wahrheit ist die Zahl derer, die sich die DDR ernsthaft zurückwünschen, im Osten verschwindend gering.

Vierter Grund: Überstandene Angst vergisst man gern. Im Sommer 1989 haben SED-Funktionäre gegenüber Kirchenleuten erklärt, der Platz des Himmlischen Friedens sei näher als viele denken. Gemeint war die blutige Zerschlagung des Studentenprotestes in China, den Egon Krenz ausdrücklich gelobt hatte. War das eine Drohung oder eine Warnung? Es war wohl eine als Warnung getarnte Drohung. Denn zum 9. Oktober 1989 war die gewaltsame Zerschlagung der ersten Montagsdemonstration nachweislich geplant. Zusätzliche Blutkonserven wurden an die Leipziger Krankenhäuser ausgeliefert und die Ärzte zum Bereitschaftsdienst verdonnert. Resigniert hat der Volkskammerpäsident Horst Sindermann (SED) schließlich erklärt: auf alles waren wir vorbereitet, bloß nicht auf Kerzen und Gebete. Aber es geht hier nicht nur um die Angst der Demonstranten des 9. Oktober. Wir alle hatten in der DDR Angst vor dem falschen Wort ins falsche Ohr, und zwar auch SED-Mitglieder. Wir alle waren sehr wählerisch und vorsichtig bei Bekanntschaften und Freundschaften. Es ist wohl vielen peinlich, sich einzugestehen, Angst gehabt zu haben, selbst dann, wenn die Angst vollkommen berechtigt war.

Soeben hatten wir wieder einmal eine Diskussion darüber, ob die DDR ein Unrechtsstaat war. Wir hatten diese Diskussion schon einmal, nämlich 1997. Damals hatte ein ostdeutscher Ministerpräsident die Frage gestellt, wie viel Unrecht in einem Staat geschehen müsse, um ihn als Unrechtsstaat zu bezeichnen. Auch jetzt kann man in Leserbriefen zum Thema lesen: In der DDR gab es Unrecht und im heutigen Deutschland auch. Das ist zwar richtig, aber verfehlt das Thema.

Manche sagen, der Ausdruck Unrechtsstaat sei nicht definiert und deshalb zu vermeiden. Dann muss man eben einen anderen Ausdruck erfinden, um die DDR diesbezüglich zu beschreiben. Richtig ist, dass der Begriff Unrechtsstaat ein polemischer Begriff ist oder meinetwegen ein drastischer Begriff. Polemik ist aber nicht immer unberechtigt. Manchmal dient sie auch der Klarstellung. Man kann aber, wenn man nur will, den Begriff auch definieren. Absurd wäre die Definition, in einem Unrechtsstaat geschehe nur Unrecht. So hat den Begriff noch nie jemand verstanden, der ihn gebraucht hat. Ich möchte folgende Definition anbieten: Wenn erklärtermaßen Macht vor Recht geht, handelt es sich um einen Unrechtsstaat. Dass jemand mit dem besseren Anwalt Recht bekommt, das kommt leider überall vor. Das ist aber ganz etwas anderes als die offizielle Erklärung, dass das Recht ein Machtinstrument der herrschenden Klasse sei, und jetzt sind wir, die SED, die Avantgarde der herrschenden Klasse. Die SED hat eine unparteiliche Justiz nicht nur praktisch, sondern, was schlimmer ist, auch theoretisch abgelehnt.

Man kann sehr präzise sagen, was ein Rechtsstaat im Sinne der europäischen Aufklärung ist. Es ist ein Staat, der nach Recht und Gesetz handelt, also erstens sein eigenes Recht respektiert, und zweitens den Bürgern die Möglichkeit eröffnet, gegen Behördenentscheidungen Gerichte anzurufen. Ob ein Staat ein Rechtsstaat ist oder nicht, ist eine Frage, die sich an die Verfasstheit des Staates richtet und nicht an die Bürger und ihre Moral. Sie betrifft das Justizwesen und die praktizierte Rechtsauffassung des Staates und nicht den Gerechtigkeitssinn der Bürger. Rechtsstaat heißt nicht: In diesem Staat geschieht kein Unrecht. Es heißt auch nicht: In diesem Staat gibt es keine Gauner. Einen solchen Staat gibt es nie. Ob ein Staat ein Rechtsstaat ist, entscheidet sich daran, ob es bestimmte Institutionen gibt oder nicht. Diese Institutionen sind zum einen die Gewaltenteilung mit der Intention auf Unabhängigkeit der Gerichte und im besonderen Verwaltungsgerichte, in denen Verwaltungsentscheidungen gerichtlich angefochten werden können. Die SED hat beides prinzipiell abgelehnt. Und sie hat die Verwaltungsgerichte, die aufgrund eines Kontrollratsbeschlusses in allen Besatzungszonen zunächst eingerichtet wurden, nach der Gründung der DDR abgeschafft. Stasileute haben öfters gedroht: Wenn wir wollen, finden wir für jeden einen Paragrafen. Wir sollten es also als ihre Gnade betrachten, wenn wir nicht im Gefängnis sitzen. Das ist nicht eine andere Rechtsauffassung, sondern gar keine. Es ist prinzipielle Rechtsverachtung. Für diese Einstellung finde ich den Ausdruck Unrechtsstaat nicht übertrieben.

Beim diesjährigen Diskurs sind es vor allem Westdeutsche gewesen, die sich gegen das Wort „Unrechtsstaat“ gewendet haben. Eines der Argumente lautete: Da sich Ostdeutsche durch dieses Wort beleidigt fühlen, sollten wir es vermeiden. Ich halte das für entmündigende Fürsorglichkeit. Lasst dem Kind den Schnuller, sonst weint es. Diese entmündigende Fürsorglichkeit übersieht, dass sie diejenigen Ostdeutschen kränkt, die nicht kindisch sind. Odo Marquard hat einmal gesagt: Das Gegenteil von gut ist gutgemeint. Bloß gutgemeint sind Nettigkeiten von der Art: Ihr ward ok, euer Staat war ok, alles ok. In Wahrheit sind solche Nettigkeiten, bei denen alle Katzen grau werden, gefährlich. Sie unterminieren das Unterscheidungsvermögen in Sachen Staatseinrichtung. In diese Rubrik gehört auch das freundlich gemeinte westliche Bekenntnis: Wenn ich in der DDR gelebt hätte, wäre ich auch in die SED eingetreten. Das kann ja sein, aber damit würde ich mich lieber nicht brüsten.

Es fällt nach wie vor vielen Westdeutschen schwer, sich vom Alltag in der DDR ein zutreffendes Bild zu machen. Die einen halten die DDR für eine Bundesrepublik mit Ostgeld und bröckelndem Putz. Andere werfen den Ostdeutschen vor, vor so miesen Typen gekuscht zu haben. Ihr wart doch alle Stützen des Systems. Beides beruht auf Ahnungslosigkeit. Am besten verstehen die DDR-Verhältnisse diejenigen, die aus der DDR geflohen oder ausgewandert sind, weiter Kontakte zu ihren Ostverwandten gepflegt haben und beide Teile Deutschlands aus erlebter Erfahrung kennen. Sie neigen am wenigsten zu DDR-Nostalgie oder herablassender Verharmlosungen.

Der Autor: Richard Schröder wurde am 26. Dezember 1943 im sächsischen Frohburg geboren. Der evangelische Theologe und Philosoph war SPD-Fraktionschef in der letzten, frei gewählten, DDR-Volkskammer. Schröder gehört dem Nationalen Ethikrat an und war bis Januar 2009 Verfassungsrichter des Landes Brandenburg. In der Region engagiert er sich seit einigen Jahren als Vorstandsvorsitzender des Trägervereins des Christlichen Gymnasiums Johanneum in Hoyerswerda.