"Ich bin die erste Aktenleiche des Amtes, da habe ich mir gesagt, ich muss eben in die Leichenhalle", versucht der Jamlitzer Bodo Irmler (37) seine Zukunftsängste mit Galgenhumor zu vertreiben, als er in der Dunkelheit die Tür öffnete. "Ich dringe hier nicht gewaltsam ein", sagt er mehrfach, um sein abenteuerliches Vorgehen zu rechtfertigen und Vorwürfen des Hausfriedensbruchs zu begegnen. Schließlich sei der Aufbewahrungsort des Schlüssels für Einheimische kein Geheimnis. Vor sich selbst legitimiert, verschafft er sich mit eben diesem Türöffner Zutritt zu einem Ort, der eigentlich für das Gedenken an Verstorbene und für das Abschiednehmen von ihnen genutzt wird. Schließlich brauche man ein Dach über den Kopf, wenn es kalt wird, so seine Begründung. „Bis zu ein Grad haben sie für heute Nacht vorhergesagt, wenn der Regen abgezogen ist“ , sagt Bodo Irmler zur RUNDSCHAU, die er am Dienstag gegen 19 Uhr von seinem Einzug in die Trauerhalle informiert hatte. "Da kann doch kein Mensch draußen übernachten", fügt er hinzu. Freunde helfen ihm, sein Hab' und Gut in die Friedhofshalle zu stellen. Viel ist dies ohnehin nicht. Eine Schlafcouch, ein Pappkarton mit Unterlagen und eine Tasche mit Bekleidung. Eine alte Waschmaschine besitzt Irmler auch noch. "Aber das wäre wirklich nicht angemessen gewesen, die auch noch mitzubringen."

Es geht um Aufsehen
Bodo Irmler will mit dieser Aktion Aufsehen erregen und Hilfe einfordern, die ihm nach seinen Erzählungen das Amt Lieberose/Oberspreewald, zu dem Jamlitz gehört, versagt. Seine bisherige Behausung musste er nämlich aufgeben als Tiefpunkt eines seit langem andauernden Abstiegsweges. Den Arbeitsplatz hatte der 37-Jährige schon vor Jahren verloren. Dann ging die Familie in die Brüche. Irmler wäre seit über einem Jahr obdachlos, wenn ihn andere nicht unterstützt hätten. Zuletzt lebte er ein knappes Jahr in einem alten Wirtschaftsgebäude am Ortsrand, das zum Jamlitzer Forellenzuchtbetrieb von Cornelius Teubner gehört. „Ich habe ihn aus Mitleid hier pennen lassen“ , bestätigt Teubner. „Die Bleibe war ja bescheiden, aber wenigstens trocken und mit fließendem Wasser.“ Mehrfach habe er seinem Schlafgast klargemacht, dass er nicht ewig bei ihm kampieren könne.
„Wir wollen das Gebäude mit den zwei Zimmern renovieren und es an Touristen vermieten, um etwas dazuzuverdienen“ , so Teubner. Als auch ein letztes Ultimatum verstrich, habe er handeln müssen. „Ich kann die Welt nicht verbessern, und das ging so nicht mehr weiter“ , begründet Cornelius Teubner den für ihn unumgänglichen Rausschmiss des Schlafgastes, den er lange geduldet hatte.
Irmler behauptet, dass er mehrfach wegen einer Wohnung beim Amt in Lieberose war. Der Bezug der Wohnung in Jamlitz in der Schulstraße sei ihm jedoch vom Amt verweigert worden, behauptet der Obdachlose. "Dabei hätte die Gemeinde doch die Miete bezahlt bekommen", schüttelt der Hartz-IV-Empfänger empört über diese vermeintliche Willkür den Kopf. Offensichtlich habe sich das Amt einfach über einen Beschluss der Gemeindevertretung hinweggesetzt, vermutet Irmler. "Nun habe ich mir eben die Leichenhalle ausgesucht. Das ist das letzte öffentliche Gebäude, das freisteht."
Erst durch die RUNDSCHAU erfuhr Bürgermeister Wilfried Götze gestern vom Piratenakt seines Sorgenkindes. „Ich gehe ja nun nicht jeden Tag in die Halle“ , entschuldigt er sein Nichtwissen. Und dann wettert das ehrenamtliche Gemeinde-
oberhaupt von Jamlitz los. „Die Trauerhalle muss geräumt werden“ , fordert er. Von Irmler fühlt er sich regelrecht erpresst. „Ich finde es unverschämt, dass er uns die Pistole auf die Brust setzt.“ Die Gemeindevertretung habe sich zwar mit dem Fall befasst, aber nie beschlossen, dass Irmler die von ihm beanspruchte Wohnung erhält. "Das ist eine Kellerwohnung, die sehr, sehr feucht ist. Die ist in diesem Zustand überhaupt nicht bewohnbar und kann nicht vermietet werden ", stellt er klar. Dem Mann seien in der Vergangenheit mehrere Wohnungen angeboten worden. „Der hat sich aber nie darum gekümmert“ , schiebt er Irmler die Verantwortung an der jetzigen Situation wie an dessen Leben insgesamt zu, das dieser sich ganz allein verpfuscht habe.

Platzverweis erteilt
Auch gestern blieb der angeblich von der Gesellschaft Ver stoßene und Vergessene stur, wie Bauamtsleiterin Helga Hoffmann mitteilt. „Wir haben ihm über einen Vermieter eine Wohnung in einem Mehrfamilienhaus in Jamlitz angeboten. Der hat sich diese bei einem Termin vor Ort nicht mal angesehen.“
Derweil harrt der Besetzer der Leichenhalle von Jamlitz auf seiner Couch vor dem Kreuz an der Wand der Dinge, die da kommen. "Hoffentlich stirbt jetzt keiner, sonst musst Du Deine Möbel zur Seite räumen", scherzt ein Helfer, um die gedrückte Stimmung zum Abschied etwas aufzuheitern. "Mir wird schon nichts passieren", beruhigte der Zurückbleibende seine Mitmenschen. "Ich schlafe doch jetzt unter dem Schutz von Jesus Christus."
Der aber genügt nicht. Amtsdirektor Bernd Boschan macht klar: „Dort lassen wir ihn nicht. Wir nehmen unser Hausrecht wahr und stellen die Totenruhe wieder her“ , versichert er und handelt. Irmler erhält von der Polizei einen Platzverweis, das Ordnungsamt stellt sein bescheidenes Hab' und Gut sicher. Dier Nacht verbringt er nach eigenen Angaben im Schuppen eines Bekannten.