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| 09:37 Uhr

Interview
Warum die Nato-Truppen in Osteuropa Russland nicht beunruhigen müssen

Dr. Peter Boßdorf ist stellvertretender Chefredakteur der Fachzeitschrift Europäische Sicherheit & Technik und Chefredakteur des Fachblattes European Security & Defence. Zugleich ist der Militärexperte Mitglied der Clausewitz-Gesellschaft.
Dr. Peter Boßdorf ist stellvertretender Chefredakteur der Fachzeitschrift Europäische Sicherheit & Technik und Chefredakteur des Fachblattes European Security & Defence. Zugleich ist der Militärexperte Mitglied der Clausewitz-Gesellschaft. FOTO: Mittker Report Verlag GmbH
Cottbus. Die großen Nato-Manöver sind nicht gegen Russland gerichtet. Das stellte Militär- und Verteidigungsexperte Peter Boßdorf im Sommer im RUNDSCHAU-Interview klar. Die osteuropäischen Natostaaten forderten jedoch zu Recht Beistandszeichen ein. Eine drohende Eskalation sieht Boßdorf auch in der Verlegung von Nato-Einheiten in Richtung Osten nicht. Das sei eher Symbolik, beruhigt der Verteidigungsexperte. Jan Selmons

"Wir brauchen keine Ami-Panzer", schreiben uns derzeit viele Leser. Brauchen wir sie nicht oder sind sie womöglich doch ganz nützlich?
Es gibt derzeit verstärkte Aktivitäten der Nato in den östlichen Nachbarstaaten. Das hat mit der veränderten politischen Großwetterlage Jahrzehnte nach der Auflösung der Blockpolitik und der deutschen Wiedervereinigung zu tun. Im Hinblick auf die Ukraine zeigt sich die Erkenntnis: Russland entwickelt möglicherweise neue Strategien. Aus Sicht der Nato ist das nichtkooperative Sicherheitspolitik. Die osteuropäischen Natostaaten fordern Beistandszeichen ein. Die Nato setzt das Signal: Wir stehen zu unseren Mitgliedern. In Polen etwa werden die Aktivitäten Russlands in der Ukraine deutlich bedrohlicher wahrgenommen als hier weiter im Westen. Im Baltikum ist das ähnlich. Wir sollten bedenken: Polen hat über Jahrhunderte schlechte Erfahrungen mit seinen Nachbarn gemacht.Besonders mit Deutschland, aber auch mit Russland. Zudem hat Polen eine besondere Affinität zu den USA.

Sollen wir das Säbelrasseln etwa gut finden?
Die Angst ist begreiflich, wenn schweres Kriegsgerät auffährt. Aber es ist sicherheitspolitisch auch notwendig, sich militärisch zu zeigen. Die Situation ist lange nicht vergleichbar mit Zeiten des Kalten Krieges. Was wir derzeit sehen ist ein politisches Signal. Bei der Größenordnung der Truppenbewegungen handelt es sich nur um etwas mehr als Symbolik.

Aber ist es nicht klar, dass Russland sich provoziert fühlt? Immerhin war vom Westen mit der Wiedervereinigung versprochen, die Nato nicht weiter nach Osten auszudehnen?
Aus russischer Sicht ist das schon ein bisschen verständlich. Doch die Staaten sind freiwillig dem Nato-Bündnis beigetreten Sie wurden nicht bedrängt und haben das vor dem Hintergrund demokratischer Meinungsfindung im eigenen Land entschieden. Für die Staaten war es offensichtlich ein Bedürfnis, das aus geschichtlicher Erfahrung gewachsen ist.

Droht mit dem Säbelrasseln nicht eine neue Eskalation?
Grundsätzlich: Die Nato ist nicht gegen Russland gerichtet. Ziel der Nato ist eine sicherheitspolitische Partnerschaft mit Russland. Fakt ist auch: Russland hat mit der Einverleibung der Krim Spielregeln gebrochen. Der Ball liegt jetzt bei Russland. Die Nato ist gesprächsbereit, der Russland-Nato-Rat steht als Forum zur Verfügung . Wir müssen aber auch zeigen, dass wir wehrhaft sind: Die Nato ist kein Papiertiger.

Derzeit läuft auch ein Manöver der so genannten Nato-Speerspitze in Rumänien.Kann dieses Muskelspiel nicht gefährlich werden?
Ich erkenne da keine Zuspitzung. Trotz einiger eingefrorener Konflikte im postsowjetischen Raum ist da nichts zu bemerken. Für die heutige Zeit sind die Aktivitäten natürlich ungewohnt, weil in den vergangenen Jahren derartige Aktivitäten zurückgefahren wurden.Was dort passiert ist klassisches Übungsgeschehen und kein Vorbote eines kriegerischen Konfliktes.

Bei dem Manöverszenario geht es aber schon um eine Verteidigungssituation gegen eine russische Invasion?
Ich bin mir recht sicher, das dort kein Feindbild vermittelt wird. Es ist ein Verteidigungsszenario - ein Training für bestimmte militärische Lagen. Das Militär kann sich ja schlecht auf die Verteidigung des Landes gegen eine Invasion von Marsmenschen vorbereiten. Wir haben nun einmal das teure Militär. Die Soldaten sollen besser üben, als in der Kaserne Fernsehen gucken.

Sie arbeiten mit der Clausewitz-Gesellschaft zusammen,die gerade ein Forum zum Thema "Wichtigkeit der USA in einer multipolaren Welt" abhält. Wie wichtig sind die Vereinigten Staaten für den Weltfrieden?
Die USA sind der mächtigste Staat im globalen Maßstab. Ihre enormen militärischen Fähigkeiten setzen sie sicher nicht immer zielführend ein - siehe Irak. Aber sie sind ohne Frage ein Sicherheitsfaktor. Mit allen fraglos vorhandenen Abstrichen sind sie in der Regel ein Garant für die freiheitlich demokratische Entwicklung in der Welt - auch wenn es manchmal um Eigeninteressen ging.