Dumm, dass es den Winter gibt. Sonst wäre die Energiewende fast ein Kinderspiel. Bei den Minusgraden der letzten Tage schnellt der Bedarf tagsüber auf knapp 70 000 Megawatt hoch. Aber die Solaranlagen kommen trotz einer installierten Leistung von 32 400 Megawatt oft nur auf 1000 Megawatt Stromproduktion. Denn die Sonne scheint kaum, und viele Anlagen sind von Schnee bedeckt. Auch beim Wind sieht es mau aus. So muss fast die gesamte Stromproduktion von Atom-, Gas- und Kohlekraftwerken bestritten werden.

Im Sommer hingegen stehen immer mehr Kraftwerke still und fahren Verluste ein, der Ökostrom-Boom hat sogar zu einem neuen Export-Rekord geführt. Anders als vor einem Jahr scheint die Gefahr von Blackouts im Winter derzeit aber gebannt. "Insgesamt ist die Situation beherrschbar", sagt eine Sprecherin der Bundesnetzagentur. Bisher musste die Kaltreserve - im Gegensatz zu 2012 - noch nicht angezapft werden. In Österreich und Deutschland stehen alte Kraftwerke mit einer Gesamtleistung von 2500 Megawatt zur Verfügung, die wieder angefahren werden können. Beim süddeutschen Übertragungsnetzbetreiber Tennet heißt es, der Winter sei eher mild, zudem gebe es keine Kraftwerksausfälle.

Auch Boris Schucht ist entspannt. "Es ist alles derzeit stabil", sagt er. Als Chef des Übertragungsnetzbetreibers 50Hertz ist er Herr über die rund 9700 Kilometer langen Stromautobahnen im Norden und Osten Deutschlands. Aus der Leitzentrale in Neuenhagen bei Berlin wird die Versorgung von 18 Millionen Menschen gesteuert. Der Wetterbericht ist hier ein entscheidendes Instrument, um Schieflagen im Netz zu vermeiden.

Bei 50Hertz ist die Zahl der Eingriffe im Jahr 2012 auf 262 gestiegen, bei Tennet sogar auf knapp 1000. Ein Beispiel unterstreicht, wie wichtig daher der Netzausbau ist. "Einer der großen Engpässe ist der Windstromtransport vom Nordosten via Thüringen nach Bayern", sagt Schucht. Pro Jahr würden hier 100 Millionen Euro für Netzeingriffe anfallen. Wird die Thüringer Strombrücke nach Bayern (Kosten: 250 bis 300 Millionen Euro) bis 2015 fertig, werden die Kosten gespart, nach drei Jahren hätte sich die Leitung amortisiert. Ganz zu schweigen von der Netzstabilisierung.

"Unsere größte Sorge galt bisher der Versorgung des Großraums Hamburg", betont Schucht. "Da konnten wir im Dezember zum Glück die Windsammelschiene, in Betrieb nehmen." Sie bringt nun Windstrom nach Hamburg, wo nach dem Aus der AKW Krümmel und Brunsbüttel die Versorgung zeitweise kritisch war.

Hilfreich ist, dass für "systemrelevante Gaskraftwerke" im Notfall nun per Gesetzesverordnung die Gasversorgung immer gesichert ist - ausbleibende Lieferungen hatten 2012 fast zum Zusammenbruch der Versorgung in Süddeutschland geführt. Also alles im grünen Bereich, Problem gelöst? Mitnichten.

Ein Blick auf die Zahlen: Der Höchstverbrauch in Deutschland liegt bisher bei rund 82 000 Megawatt. Insgesamt steht eine gesicherte Leistung von rund 90 000 Megawatt zur Verfügung - 11 000 Megawatt Leistung aus Atommeilern wird in den nächsten Jahren verschwinden. Zwar wächst der Solar- und Windbereich massiv, doch das ist bei fehlender Sonne und Flaute eben keine gesicherte Leistung. Speicher für überschüssigen Ökostrom fehlen noch.

Die aktuell beherrschbare Lage kann ein immer größeres Problem nicht verdecken: Schon jetzt kommen Gaskraftwerke teils nur noch auf 1000 Betriebsstunden pro Jahr, weil der Ökostrom-Boom sie vom Markt drängt. Eon-Chef Johannes Teyssen warnt vor erheblichen Versorgungsrisiken. "Die Margen aus der Gasverstromung sind bis nahe Null eingebrochen", betont er.