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| 02:34 Uhr

Warum die Ära Gabriel vorbei ist

Sigmar Gabriel tritt in die zweite Reihe zurück, jetzt soll es Martin Schulz (l.) für die SPD richten.
Sigmar Gabriel tritt in die zweite Reihe zurück, jetzt soll es Martin Schulz (l.) für die SPD richten. FOTO: dpa
Berlin. Paukenschlag bei der SPD: Sigmar Gabriel verzichtet auf Parteivorsitz und Kanzlerkandidatur und schickt statt seiner den bisherige EU-Parlamentspräsidenten Martin Schulz ins Kanzlerrennen. Der bisherige Vizekanzler und Wirtschaftsminister Gabriel will jetzt lieber Außenminister sein. Werner Kolhoff, RUNDSCHAU-Berlin-Korrespondent

Das war stillos von Sigmar Gabriel, und wenn die SPD nicht mehr gezwungen ist, Geschlossenheit zu demonstrieren, um nicht gleich die erste Wahlkampfphase zu versauen, wird er es auf die eine oder andere Art zu spüren bekommen. Es ist stillos, alle zum Schweigen bis zum 29. Januar zu verdonnern, aber vorher schon einigen Medien sämtliche Entscheidungen mitzuteilen. Erst die eigene Reputation, dann die der Partei. Es ist stillos, sich ein zweites Mal als Parteivorsitzender zu verdrücken, wenn der Wahlkampf gegen Angela Merkel naht. Einer, der von sich zu wissen glaubt, dass er nicht als Kanzlerkandidat taugt - und das ist kein falscher Gedanke -, sollte keine große Volkspartei führen. Oder wenigstens gleich einen anderen für das angestrebte Regierungsamt aufbauen und sich mit der Position im Rückraum begnügen.

Und es ist ebenso stillos, sich jetzt schnell noch den Job des Außenministers zu sichern. Ganz abgesehen davon, das Gabriel alles andere ist als ein Diplomat. Und zum Schluss: Das bisher gerade von Gabriel immer als zen tral bezeichnete Wirtschaftsministerium nun mal eben an eine Politikerin zu vergeben, die - mit Verlaub - ihre politische Zukunft erkennbar hinter sich hat, ist auch nicht die stilvollste Lösung.

Die Tragik des Sigmar Gabriel lag und liegt darin, dass er wirklich glaubt, nur er wisse und fühle, was die SPD brauche, weil nur er wisse und fühle, was das Volk brauche. Dabei hat er die Partei mit seinen persönlichen Irrungen und Wirrungen in den vergangenen Jahren in Wirklichkeit auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle geschickt. Selbst seinen Rückzug verkauft er noch als Akt der Selbstaufgabe. Sigmar Gabriel hat letztlich nur drei Freunde und Ratgeber: Me, myself and I - Ich, Ich und nochmal Ich.

Die Ära Gabriel ist für die SPD nun vorbei. Endgültig. Eine neue beginnt. Martin Schulz ist ein anderes Kaliber, auch für Angela Merkel. Er ist weit stärker von der Sache und weit geringer von sich selbst getrieben. Er ist für seine Partei viel mehr, aber für die Gegenseite viel weniger kalkulierbar. Er riecht nicht nach Großer Koalition. Mit ihm werden die Karten in Berlin, wo so viele seit so vielen Jahren politisch ineinander verhakt und miteinander verbandelt sind, im wahrsten Sinne des Wortes neu gemischt. Aber Schulz muss sich in seiner Partei erst noch durchsetzen, überhaupt in der Bundespolitik, und darin liegt das große Risiko dieser erneut völlig unvorbereiteten Nominierung.

Innenpolitisch ist er ein unbeschriebenes Blatt; die Deutschen kennen ihn nur als Europapolitiker. Wie nehmen sie ihn auf, wenn er zum ersten Mal über Steuern oder Renten redet? Woher soll er als Parteichef Autorität und Macht nehmen? Die Funktionäre kennen ihn nur als Europaredner auf Parteitagen, bei denen die meisten abschalteten. Und wie kommt er mit den deutschen Medien zurecht?

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, sagt man. Diesem nicht, wieder mal nicht. Die SPD schafft es, noch jede Kanzlerkandidatenkür zu verbocken, und wenn es fünf Tage vorher ist, wie jetzt. Es gibt allerdings einen Trost: Es sind noch genau neun Monate, um den Fehlstart wettzumachen. Manche kriegen in der Zeit ein Kind.