Vor drei Wochen war Nabih Berri klar, dass sich etwas ändern muss. Der 76-Jährige - seit 22 Jahren Vorsitzender des libanesischen Parlaments - hatte die nunmehr 14. Sitzung zur Wahl eines neuen Staatspräsidenten eröffnet. Die Abgeordneten sollten zusammenkommen, um sich endlich auf einen Präsidenten zu einigen. Seit knapp sechs Monaten ist der Posten des Staatsoberhauptes im Libanon vakant.

Doch wie in allen Sitzungen zuvor kamen auch dieses Mal nicht genügend Stimmen für eine beschlussfähige Mehrheit zusammen. Abgeordnete, die der radikalislamischen schiitischen Hisbollah angehören, blockieren bewusst die Abstimmungen. Berri rief die Parlamentarier daraufhin Anfang November zu einer ganz anderen Wahl: über die Verlängerung ihres eigenen Mandats.

In einer umstrittenen Sitzung gab sich das Parlament weitere zwei Jahre und sieben Monate zum Tagen. Für volle acht Jahre werden die Parlamentarier nun im Amt bleiben, obwohl sie nur für vier Jahre gewählt wurden. Begründet wurde der Schritt mit der schwierigen Sicherheitslage im vom syrischen Bürgerkrieg bedrohten Libanon. Sie mache Wahlen derzeit unmöglich. Tatsächlich war es ein Schachzug Berris, um die verfeindeten Lager unter den Abgeordneten zu einen.

Denn am Mittwoch - es wird der 15. Anlauf werden - soll im Parlament endlich ein Präsident gewählt werden. Nach den Vorgaben des libanesischen politischen Systems muss der Präsident des Landes ein Christ sein. Doch im Angesicht der Katastrophe in Syrien streiten sich die muslimischen Abgeordneten über die richtige Personalie.

Die anti-syrische Koalition im Parlament favorisiert den rechtskonservativen Kandidaten Samir Geagea. Von der Hisbollah unterstützte pro-syrische Abgeordnete wollen hingegen den Mitte-links-Kandidaten Michel Aoun. Ein Präsident kann nur gewählt werden, wenn mindestens zwei Drittel der 128 Abgeordneten anwesend sind. Wohl wissend, dass Aoun keine Mehrheit erhält, boykottieren seine Anhänger seit Monaten die Abstimmungen im Parlament. Kandidat Geagea schimpfte unlängst, die gegnerischen Parlamentarier würden durch ihre Taktik die "Republik enthaupten, nur um selbst der Kopf zu werden".

Tatsächlich hoffen die pro-syrischen Kräfte nach Meinung von Analysten auf den Erhalt des Status Quo. Dagegen könnten Neuwahlen oder ein kritischer Präsident ihre Position schwächen. Denn die Libanesen sind des Krieges müde: Längst ist ihr Land Teil des syrischen Bürgerkrieges geworden.

Über eine Million Flüchtlinge lebt und arbeitet Seite an Seite mit rund vier Millionen Libanesen. Immer häufiger kommt es zum Streit mit den Zugewanderten, mittlerweile haben sich Bürgerwehren gegründet. Auch Dschihadisten aus dem Bürgerkrieg greifen immer häufiger Armeestellungen im Libanon an. Mehrere Soldaten werden seit August von Kämpfern des Islamischen Staates (IS) als Geiseln gehalten.

Doch der Hisbollah hilft das Chaos im Land, im Angesicht des Feindes wirkt sie stark. Unterstützer wie der Analyst Kamal Wasna sind sich sicher, dass die schiitische Miliz den Libanon "vor einem Disaster beschützt hat". Hätte Hisbollah keine Kämpfer nach Damaskus geschickt, stünden IS-Dschihadisten bereits vor Beirut, sagte Wasna der Deutschen Presse-Agentur.

Auch das Spiel der Hisbollah im Parlament will Wasna nicht als Hinhaltetaktik abtun. Hisbollah habe "nichts boykottiert, da sie ja einen Kandidaten genannt haben". Die bisherigen Wahltermine seien "nutzlos", wenn sich die Lager nicht zuvor auf einen Kandidaten einigen können. Dass sie zusammenarbeiten können, hatten sie bei der Sitzung ihrer Mandatsverlängerung bereits bewiesen: Die Hisbollah war zur Abstimmung erschienen, das Gesetz wurde nur mit zwei Gegenstimmen verabschiedet.