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Warum Brandenburg mit der Biotonne hadert

Die Biotonne kommt – auch in Brandenburg.
Die Biotonne kommt – auch in Brandenburg. FOTO: dpa
Cottbus/Potsdam/Görlitz. Neben Blau für Papier, Gelb für Verpackungen mit dem grünen Punkt und Schwarz für Restmüll werden sich auch die Brandenburger an Braun für Bioabfall gewöhnen müssen. Die Biotonne wird kommen. Wobei Brandenburg das neue Kreislaufwirtschaftsgesetz mit Augenmaß umsetzen will. Im sächsischen Landkreis Görlitz feiert die Biotonne unterdessen 20-jähriges Jubiläum. Christian Taubert

Dass wegen der Einführung der Biotonne im Jahre 2015 die Wellen hoch schlagen und in Amtsstuben sowie bei Abfallentsorgern Konzepte erarbeitet und debattiert werden - das kann im sächsischen Landkreis Görlitz niemand verstehen. Denn bereits im Jahre 1995 hat der damalige Niederschlesische-Oberlausitzkreis die Biotonne eingeführt. Es wurde zur Pflicht, Bioabfälle gesondert einzusammeln. Die braune Tonne sei in der Region längst akzeptiert, sagt Ronny Hirschmann vom Landratsamt Görlitz.

Für den Leiter des Regionalbetriebes Abfallwirtschaft war das die richtige Entscheidung. "Dass die Biotonne irgendwann verpflichtend werden würde, war absehbar", erklärt Hirschmann. Investitionen in die Behälter, in Fahrzeuge zum Abtransport sowie Kompostierungs- und Vergärungsanlagen seien immerhin perspektivische Entscheidungen.

Mit einem Kostenaufwand von 3,5 bis vier Millionen Euro sammelt der Regionalbetrieb heute etwa 20 000 Tonnen Bioabfälle pro Jahr ein. Die kommen zurzeit auf drei Kompostierungsanlagen. "Die gewonnene Komposterde wird von der Agrarwirtschaft stark nachgefragt", sagt Hirschmann.

Als in Ostsachsen bereits die Biotonne auf dem Vormarsch war, hat Brandenburg der mechanisch-biologischen Abfallbehandlung (MBA) den Vorzug eingeräumt. Bereits 2005 konnte stolz darauf verwiesen werden, dass der Hausmüll in den MBA zu nahezu 100 Prozent im Land behandelt, sortiert und der möglichen Verwertung zugeführt wird. Der biologische Anteil ging dabei direkt zur Kompostierung oder in Vergärungsanlagen. Letztere nutzen den Bioabfall am effektivsten, da Biogas für die Stromerzeugung verwandt und die Gärreste als hochwertiger Kompost genutzt werden können.

Um diese Effekte direkt zur Anwendung bringen zu können, hat das Kreislaufwirtschaftsgesetz die Einführung der Biotonne ab 2015 als Ziel gesetzt. "Das ist kein gutes Gesetz für unsere Region", schätzt Klaus Steinacker auch mit Blick auf die MBA ein. Für den Cottbuser Alba-Geschäftsführer werde diesen Müllsortieranlagen jetzt "der endgültige Todesstoß versetzt". Denn die wertvollen biologischen Bestandteile im Restmüll gebe es dann nicht mehr. Aus seiner Sicht würden sich die Anlagen dann nicht mehr rechnen.

Nach einem Positionspapier aus dem Potsdamer Umweltministerium rechnet das Land mit einem Gesamtaufkommen von etwa 75 000 Mg/a (Tonnen pro Jahr) Bioabfällen aus der Biotonne. Diese Größenordnung soll aber erst bis 2020 erreicht werden. Zurzeit bereiten die Träger der kommunalen Abfallentsorgung überall im Land stimmige Entsorgungsstrategien und -konzepte vor.

Brandenburg will das neue Gesetz "nach Augenmaß" umsetzen, versichert Jens-Uwe Schade, der Sprecher des Umweltministeriums. Nicht jedes noch so abgelegene Gehöft müsse eine solche Tonne aufstellen. Das ist auch im Landkreis Görlitz nicht anders. Als Ausnahmetatbestand gilt auch, wenn Bürger ihren Bioabfall selbst kompostieren. Für die Kontrolle sind die Entsorgungsträger verantwortlich.

Der Ministeriumssprecher verdeutlicht aber auch, dass die Entgegennahme von Grünabfällen auf den kommunalen Wertstoffhöfen gesichert werden muss. Brandenburg habe sich das Ziel gestellt, bis 2020 eine Menge von mindestens 70 Kilogramm Bioabfall jährlich pro Einwohner einzusammeln. 30 Kilogramm davon über die Biotonne. 2,5 Kilogramm Abfälle wirft der Märker laut Umweltministerium pro Jahr in die Biotonne - letzter Platz im Bundesvergleich. Spitze ist Hessen (80 kg).

Mit den Konzepten vor Ort sind zudem die notwendigen Entsorgungskapazitäten von der Abholung bis zur Kompostierung und Vergärung der Bioabfälle zu schaffen. "Jeder Haushalt im Land soll die Möglichkeit erhalten, seine Küchen- und Grünabfälle gesondert zu sammeln", sagt Schade und fügt hinzu. "Ohne Zwang." Umsetzen will das Land die Biotonnen-Pflicht zuerst in Ballungsräumen ab 20 000 Einwohnern. Erprobt wird der Ökoabfallbehälter zurzeit in Frankfurt (Oder), Brandenburg an der Havel, Potsdam-Mittelmark, Ostprignitz-Ruppin und in Potsdam-West.

Laut Bundesgesetz muss Mülltrennung "wirtschaftlich vertretbar" sein. Diese Maxime gilt auch für den Abfallentsorgungsverband Schwarze Elster in Lauchhammer, in dessen Entsorgungsgebiet zwischen Senftenberg, Herzberg und Finsterwalde zurzeit 28 000 Tonnen Restmüll pro Jahr abgeholt werden. Nachdem jüngst eine erste Richtung bekannt gegeben wurde, will der Verband, der über eine mechanisch-biologische Abfallbehandlungsanlage verfügt, sein Konzept im Frühjahr vorlegen. "Vorgreifen kann ich nicht. Wir arbeiten an Lösungswegen", sagt Vize-Verbandsvorsteher Peter Thiem. Zurzeit werden hier auch biogene Stoffe nach der Sortierung des Hausmülls in der entsprechenden Anlage vergoren. Das Land hofft, dass die Südbrandenburger künftig 25 000 Tonnen Bioabfälle pro Jahr vergären können - nach einem Umbau der bestehenden Anlage.

Alba-Geschäftsführer Steinacker weist aber auch darauf hin, dass die Entsorgung in großen Plattenbausiedlungen nicht gerade ein Kinderspiel werde. "Auch hier müssen hygienische Standards durchgesetzt werden. Die Abholung muss zumindest im Sommer im Wochenrhythmus erfolgen", erläutert Steinacker. Was in den politischen Konzepten noch nicht so deutlich zu finden ist, steht für Steinacker fest: "Die Biotonne macht die Entsorgung teurer."

Zum Thema:
Grundsätzlich dürfen alle im Abfall enthaltenen biologisch abbaubaren organischen Abfallanteile in die Biotonne. Laut Bundesumweltministerium gehören gemäß der deutschen Bioabfallverordnung dazu: Baumzweige, Blumen, Grasschnitt (kleine Mengen), Brotreste, Eierschalen, Fischreste, Gemüsereste, Kartoffelschalen, Salatreste, Käsereste, Kaffee-Filtertüten, Kaffeesatz, Milchproduktreste (keine Milch), Nussschalen, Obstschalen, Speisereste(roh, gekocht, verdorben), Teebeutel, Verpackungen aus gekennzeichneten biologisch abbaubaren Kunststoffen, Federn, Haare, Holzwolle und Sägespäne, aber nur von unbehandeltem Holz. Nicht hinein dürfen in die Tonne unter anderem Asche, Blumentöpfe, Plastikbeutel, Papier und Staubsaugerbeutel.