Was hatte Beate Zschäpe mit den Verbrechen des NSU zu tun? Nichts, behauptete sie im vergangenen Dezember nach jahrelangem Schweigen in ihrer schriftlichen, von ihrem Anwalt Mathias Grasel verlesenen Aussage im NSU-Prozess.

Neun rassistisch motivierte Morde an türkisch- und griechischstämmigen Gewerbetreibenden, ein Mord an einer Polizistin, zwei Sprengstoffanschläge - das will sie alles erst später erfahren haben und entsetzt gewesen sein.

Stimmt das? Oder lügt sie? Das Gericht lässt Zschäpes Aussage seitdem Punkt für Punkt überprüfen. Dabei stellt sich heraus: Manches, was viele ihr nicht abnehmen wollten, könnte tatsächlich wahr sein. Und noch etwas zeigt sich: Das Bundeskriminalamt (BKA), das im Auftrag des Gerichts ermittelt, hat manche Schlussfolgerung wohl voreilig gezogen.

Etwa zu Zschäpes mutmaßlicher Mitarbeit an dem zynischen "Paulchen-Panther"-Selbstbekennervideo. Hätte Zschäpe daran mitgewirkt, wäre das ein Anzeichen dafür, dass sie eben doch Bescheid wusste. Die Ermittler hielten das bisher für plausibel - wegen einer Wette Zschäpes mit den mutmaßlichen Terrormördern Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. In der ging es darum, ob sie ein paar Kilo abspecken könne. Falls nicht, wäre ihr Einsatz "200x Videoclips schneiden", so festgehalten in einer Datei, die sich in den Hinterlassenschaften des NSU fand. Ein BKA-Ermittler schloss daraus, dass "sowohl Uwe Böhnhardt als auch Beate Zschäpe" über das "Paulchen-Panther"-Video Bescheid wussten und "die Videodateien sowohl kannten als auch bearbeitet" hätten.

Zschäpe stellte das anders dar: Sie habe Werbeblöcke aus aufgezeichneten Fernsehserien herausgeschnitten und nicht etwa Clips für das Bekennervideo. Das BKA sah die Asservate noch einmal durch - und tatsächlich: Es seien DVDs mit TV-Serien gefunden worden, heißt es in einem neuen Vermerk - mit herausgeschnittenen Werbeblöcken. Das, so folgern die BKA-Ermittler jetzt, erscheine als "realistische Wetteinlage".

Auch zu einem anderen Detail korrigiert sich das BKA. Dabei geht es um die Frage, ob Beate Zschäpe wirklich aus dem Radio vom Tod ihrer Freunde nach einem missglückten Banküberfall in Eisenach erfahren haben kann. Das behauptet sie und sagt, die Radionachricht habe sie veranlasst, die Zwickauer Fluchtwohnung anzuzünden und - als Vermächtnis ihrer beiden Freunde - von diesen vorbereitete Briefkuverts mit Bekenner-DVDs in den Briefkasten zu werfen.

Stimmen kann das aber nur, wenn eine solche Nachricht rechtzeitig vor 15 Uhr in einem Radiosender ausgestrahlt worden wäre. Eine BKA-Ermittlerin sagte im NSU-Prozess, sie habe beim Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) nachgefragt und könne nicht ausschließen, das Zschäpes Version stimme, jedoch: "Für den relevanten Zeitraum gab's da eigentlich keine Nachrichten".

"Ich hatte Zweifel, dass das stimmt", sagte dazu MDR-Redakteur Matthias Reiche. Er recherchierte in seinem Sender und fand eine Meldung, die bereits um 14 Uhr gesendet wurde - und in der vom Überfall und dem Fund zweier Leichen in einem Wohnmobil die Rede ist.

Reiche fragte außerdem bei der privaten Konkurrenz nach, bei "Antenne Thüringen". Deren stellvertretender Programmchef Peer Lück habe ihm mitgeteilt, dass auch dort bereits um 14 Uhr aus Eisenach berichtet wurde. Lück sagte auf Nachfrage, die BKA-Ermittlerin habe sich dann auch bei ihm gemeldet - aber erst am Tag nach ihrer Aussage im Gericht. Inzwischen hat sich die Ermittlerin korrigiert und muss erneut als Zeugin aussagen.

Zschäpes Verteidiger werden wohl kritisch nachfragen. "Es ist auffällig, dass zulasten Frau Zschäpes ermittelt wurde und Fakten, die nicht zur Ermittlungshypothese passen, ausgeblendet wurden", sagte Anwalt Grasel. Das sehen die Kreise um die Bundesanwaltschaft jedenfalls in diesem Punkt nicht ganz so: Dass Zschäpe die Nachricht aus Eisenach im Radio gehört habe, passe sehr wohl zur Anklage.