Cottbus Hauptbahnhof am gestrigen Donnerstag: Es ist 16.30 Uhr. Auf den Bahnsteigen ist es ruhig, lediglich das notorische Summen eines Zuges durchbricht die Stille. Statt wartender Fahrgäste sind dort nur stillstehende Züge zu sehen. Seit 28 Stunden streiken die Mitglieder der Lokführergewerkschaft GDL, seit 14 Stunden auch im Personenverkehr. Ausstand für 62 Stunden - das bedeutet Geduld haben für die Reisenden und Ausharren für die Lokführer.
Lautes Lachen schallt vom Bahnhofsvorplatz herüber. Dort haben sich die Cottbuser GDL-Mitglieder versammelt, auf dem Stück Land, das der Stadt gehört. Vom Gelände der Bahn seien sie verwiesen worden, sagt ein GDL-Mann, der seinen Namen nicht nennen will. Dick eingepackt wärmen sich die Streikenden die Hände an einem Feuer, trinken Kaffee, den sie in einer Thermoskanne mitgebracht haben. Ein Heizstrahler sorgt zusätzlich für Wärme. Den hat eine Gaststätte zur Verfügung gestellt. „Sogar belegte Brötchen haben uns die Menschen hergebracht“ , erzählt der GDL-Kollege. Überhaupt sei die Stimmung gut. „Wir Lokführer sind ein hartes Volk und werden das bis zum Ende durch stehen.“
Froh wären sie dennoch, wenn endlich ein gutes Angebot von der Bahn kommen würde und die Streiks ein Ende hätten.
Während sich die Lokführer am Feuer wärmen, suchen die Menschen im Bahnhofsgebäude nach einer Möglichkeit, an ihr Reiseziel zu kommen. Schienenersatzverkehr nach Frankfurt (Oder) und nach Forst steht auf der Anzeigetafel, der Zug nach Rathenow fährt. Zumindest alle zwei Stunden, wie eine junge Frau gerade am Auskunftsschalter erfahren hat. Dort hat sich eine Schlange gebildet. Und immer wieder die gleichen Fragen: „Wie komme ich nach. . .?“ Dennoch, keiner murrt, keiner meckert.
Die Reisenden scheinen sich inzwischen auf die Streiks der GDL eingestellt zu haben. So wie Maria Becvar aus Dresden. Seit Dienstag ist sie in Cottbus zu Besuch, da kam sie mit dem Zug in die Stadt. Die junge Frau steht vor der Eingangshalle des Bahnhofes, raucht eine Zigarette. Sie wartet - aber nicht auf einen Zug oder den Schienenersatzverkehr, sondern auf ihre Mitfahrgelegenheit. Im Internet habe sie sich erkundigt, ob ihr Zug fährt, aber nur einen Ersatzfahrplan für den ICE gefunden. „Ich war mir nicht sicher, ob die Regionalbahn fährt. Da habe ich lieber gleich nach einer Mitfahrgelegenheit geschaut“ , sagt Maria Becvar. Welche Seite nun recht hat, die Bahn oder die GDL, das vermag die Dresdnerin nicht zu sagen, „aber generell halte ich die Situation für schlecht“ . Ralf Röhricht aus Cottbus dagegen kann die Lokführer überhaupt nicht verstehen. „Das ist doch übertrieben, was die wollen. Das letzte Angebot der Bahn war doch in Ordnung“ , sagt er. „Die bekommen nicht genug. Manch einer wäre froh, wenn er überhaupt Arbeit hätte und so viel verdienen würde wie die Lokführer.“ Auf die Bahn ist Ralf Röhricht heute nicht angewiesen. Aber vielleicht demnächst, wenn er wieder zu seinen Eltern nach Mannheim fährt. Und ob dann gestreikt wird, das weiß jetzt noch niemand.