Es kommt ziemlich selten vor, dass ein Telefonat zweier Politiker als historisch eingestuft wird. Doch das Gespräch US-Präsident Barack Obamas mit seinem kubanischen Amtskollegen Raúl Castro war genau dies - ein gewaltiger politischer Schritt nach mehr als 50 Jahren eisiger Beziehungen zwischen den USA und Kuba. Selbst wenn das scharfe US-Embargo gegen den sozialistischen Inselstaat nach diesem ersten direkten Austausch auf höchster Ebene seit 1961 vorerst bestehenbleibt, dürften nun viele in Kuba und den USA aufatmen.

Fast eine Stunde hatte sich Obama mit Castro am Telefon ausgetauscht - umgeben von seinen Top-Beratern im Oval Office des Weißen Hauses. Als die beiden Präsidenten dann am Mittwochabend exakt zur selben Zeit vor die Kameras traten, blendeten TV-Sender in beiden Ländern ein ungewöhnliches Bild ein: auf der einen Seite der Staatschef Kubas in olivgrüner Militäruniform am Schreibtisch, auf der anderen der Präsident der Vereinigten Staaten im dunklen Anzug mit US-Flagge am Revers. Fast war es eine gemeinsame Pressekonferenz - nur dass Obama und Castro durch 1800 Kilometer Luftlinie vonein ander getrennt waren.

Schritt für Schritt wollen Washington und Havanna ihre Beziehungen nun normalisieren. Geplant sind in den kommenden Monaten die Eröffnung einer US-Botschaft in der kubanischen Hauptstadt und diplomatische Treffen auf hoher Ebene. Amerikaner müssen nun nicht mehr Gründe wie Familienbesuche, Forschungsprojekte oder religiöse Veranstaltungen vorgeben, sondern sollen leichter auf die Insel fliegen können. Mit US-Kreditkarten kommen sie nun anders als zuvor an Geld und dürfen Rum oder Zigarren im Wert von 100 Dollar mit nach Hause bringen.

Feindschaft über lange Zeit

Jahrzehntelang hatten Washington und Havanna sich die kalte Schulter gezeigt, nachdem die Machtübernahme des Revolutionshelden Fidel Castro und seine Hinwendung zum Kommunismus die USA zu einem Embargo veranlasste. Die gescheiterte Invasion in der Schweinebucht, die Exil-Kubaner mit Unterstützung des US-Geheimdienstes CIA unternahmen, markierte einen Tiefpunkt im gegenseitigen Verhältnis. Kurz darauf folgte die Kubakrise um sowjetische Raketen auf der Karibikinsel, die fast zu einem Atomkrieg geführt hätten.

1977 wurde der Kontakt zumindest teilweise wieder aufgenommen - mithilfe der Schweiz. Bis heute gehört die Interessenvertretung Kubas in Washington formell der Schweizer Botschaft an.

Nach vorsichtigen kubanischen Wirtschaftsreformen lockerte Obama 2009 zum ersten Mal die Sanktionen. Dank der Vermittlung von Papst Franziskus und mit Unterstützung Kanadas näherten sich die beiden Seiten weiter an. "Wenn irgendeine US-Politik ihr Verfallsdatum überschritten hat, ist es die US-Kubapolitik", kommentierte ein Regierungsvertreter in Washington.

"Todos somos americanos"

"Diese Entscheidung von US-Präsident Obama verdient den Respekt und die Anerkennung des kubanischen Volkes", sagte Castro in seiner Ansprache. "Seit meinem Amtsantritt ( . . . ) habe ich mehrfach betont, dass wir bereit sind, einen respektvollen Dialog mit der US-Regierung zu führen". Obama wechselte in seiner 15-minütigen Rede auch kurz ins Spanische und versicherte: "Todos somos americanos" (Wir sind alle Amerikaner). Über weiter bestehende Barrieren dürfe man sich aber keine Illusionen machen.

Mit Spannung wird nun auf die Begegnung beider Staatschefs beim Amerika-Gipfel Mitte April in Panama-Stadt gewartet. Das Weiße Haus bestätigte, dass Obama am Gipfeltreffen am 10. und 11. April teilnehmen wird. Castro hatte bereits zugesagt. Es wäre das erste offizielle Treffen von Präsidenten beider Länder in Jahrzehnten. Im Dezember 2013 hatte es nur einen kurzen Händedruck Obamas und Castros bei Nelson Mandelas Trauerfeier gegeben.