| 02:36 Uhr

Warschau baut auf berechenbaren Partner Deutschland

Polens Innenminister Mariusz Blaszczak geht davon aus, dass die CDU ihren Kurs verändern wird.
Polens Innenminister Mariusz Blaszczak geht davon aus, dass die CDU ihren Kurs verändern wird. FOTO: dpa
Warschau/Moskau. PiS-nahe polnische Zeitung freut sich über erstarkende deutsche Euroskeptiker. Russland hält sich zum Ausgang der Bundestagswahl bedeckt. Gabriele Lesser und Klaus-Helge Donath

"Kanzlerin Merkel - zum vierten Mal!" titelt Polens größte Tageszeitung, die linksliberale Gazeta Wyborcza anerkennend, während die der nationalpopulistischen Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) nahestehende Gazeta Polska Codziennie sich freut: "Deutsche Euroskeptiker gewinnen an Stärke." Die eigentliche Gewinnerin der Bundestagswahlen sei die Alternative für Deutschland.

Die meisten Politiker und Publizisten in Polen sind zufrieden mit dem Ausgang der Bundestagswahlen in der Bundesrepublik Deutschland. Der Nachbar bleibe ein stabiler und berechenbarer Partner Polens in der EU, schreiben die Kommentatoren übereinstimmend, doch in der Bewertung des "AfD-Triumphes" gehend die Ansichten stark auseinander. Innenminister Mariusz Blaszczak (PiS) betonte im Staats-Fernsehen TVP, dass der Stimmenverlust der CDU Merkel dazu bringen müsse, "Schlüsse aus dem Fehler zu ziehen, die Grenzen für den unkontrollierten Zufluss von Migranten aus Nordafrika und dem Nahen Osten zu öffnen".

Im Privatsender TVN24 kommentierte der PiS-EU-Parlamentarier Zbigniew Kuzmiuk das Wahlergebnis. Ähnlich wie Polens Innenminister erwartet auch Kuzmiuk, dass die starke Stellung der AfD im Bundestag die Politik der Bunderegierung ändern werde. Bei den Themen Migration und Klimapolitik, so der nationalpopulistische EU-Parlamentarier, werde Kanzlerin Merkel wahrscheinlich die Positionen der AfD übernehmen. Dies komme dem Interesse Polens entgegen und sei daher positiv zu bewerten. Boguslaw Chrabota, der Chefredakteur der konservativen Rzeczpospolita, kommt in seinem Leitartikel zu einem anderen Schluss. Solange Merkel Kanzlerin bleibe, werde sich auch in einer Koalition mit der FDP und den Grünen an der Politik Deutschlands nicht allzu viel ändern.

Russische Politiker hielten sich am Montag zum Wahlausgang in Berlin etwas bedeckt. Kaum einen drängte es, den Ausgang der Bundestagswahlen öffentlich zu analysieren.

Auch Wladimir Putins Pressechef, Dmitrij Peskow, ließ sich mit einer Stellungnahme bis in den Nachmittag Zeit. "Alles, was dort (in Deutschland, d. Red) passiert, ist für uns von großem Interesse", sagte er. Deutschland sei ein wichtiger Wirtschafts- und Handelspartner für Russland.

"Insgesamt hat der Block Merkel bei den Wahlen gewonnen", fuhr Peskow fort. Präsident Putin respektiere die Entscheidungen der Wähler in jedem Land. Daher werde er die Ergebnisse nicht kommentieren. Später hieß es dann, mit einer Einschätzung sei erst zu rechnen, wenn alle Daten auf dem Tisch lägen.

Russland tut sich schwer mit dem Ergebnis. Vor allem die Aufkündigung der Großen Koalition durch die SPD ist für den Kreml unerfreulich. Er schätzt Leidensfähigkeit und dickes Fell der Sozialdemokraten.

Eine Jamaika-Koalition wäre für Moskau die schlechteste Lösung, meint der Außenpolitikexperte Fjodor Lukjanow. Besonders gefürchtet sind demnach die Grünen und deren Wertekanon in Moskau.