So redeten meine Freunde damals. Ich nickte beflissen - und glaubte kein Wort. Warschau mit Berlin zu vergleichen, das erschien mir wie eine überflüssige Neuauflage des absurden Versuchs, aus Birnen Apfelmus herzustellen. Nun lebe ich seit einem Jahr in Berlin. Nachts, wenn ich um den Schlaf gebracht bin wie einst Heinrich Heine, denke ich oft an Warschau, und am Morgen danach schicke ich dann eine E-Mail an meine Freunde oder eine SMS oder einen wirklichen Brief, je nach Stimmung. Jedenfalls sende ich Post nach Polen, so wie diese Zeilen.

Polen und seine Hauptstadt haben mich nicht losgelassen, vielleicht auch deshalb, weil ich in Berlin bald gemerkt habe, dass sehr wohl zutrifft, was meine Freunde damals zum Abschied sagten (bis auf die Überschrift vom neuen Berlin; so ist das nun einmal mit Schlagworten, man denke nur an "Das Venedig des Nordens", von dem niemand weiß, ob es sich dabei um Hamburg, Sankt Petersburg, Amsterdam, Kopenhagen, Stockholm . . . Lassen wir das!).

Jedenfalls: Es stimmt, was meine Freunde vor Jahresfrist sagten und meinten. In Berlin ist die gleiche untergründige Kultur- und Geschichtsosmose zu spüren wie in Warschau, soll heißen: Aus den Poren der Stadtfundamente kriecht das gelebte Leben, buchstäblich und natürlich im übertragenen Sinn, während oben, an der Oberfläche, das lebendige Leben überbordet. Das ist großartig! Kann man mehr wollen?

Ja, doch, man kann. Man kann sich zum Beispiel weniger ungemütliche Winter wünschen. Die kalte Saison in Warschau und Berlin ist zwar gar nicht von einer solch kalten Kälte, die der gemeine Mitteleuropäer mit Sibirien assoziiert. Aber die Berlin-Warschauer Kälte dringt trotzdem durch alle Jacken und Mäntel und selbst durch die darunterliegenden Zwiebelschichten aus Lammwolle, Polyester und Baumwolle. Wahrscheinlich ist es so, dass im Winter irgendein Teufel nach den Berlin-Warschauer Seelen greift und sie auf ihre Lebenstauglichkeit hin prüft.

Apropos prüfen: In Kürze werde ich zum ersten Mal seit meiner Rückkehr nach Deutschland wieder nach Warschau reisen. Ich brauchte ein wenig Abstand, aber jetzt . . . Alles hat bekanntlich seine Zeit.