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"Waren wir ein bisschen zu gutgläubig?"

Ein Leichenwagen fährt am frühen Mittwochmorgen in die Justizvollzugsanstalt Leipzig.
Ein Leichenwagen fährt am frühen Mittwochmorgen in die Justizvollzugsanstalt Leipzig. FOTO: dpa
Dresden. Mindestens drei schwere Fehler führten in der JVA Leipzig-Meusdorf dazu, dass der Selbstmord des Terrorverdächtigen Dschaber Al-Bakr nicht verhindert wurde. Konsequenzen sitzt Sachsens Staatsregierung trotzdem aus. Christine Keilholz / ckz1

Ruhig, fast stoisch, machte Sachsens Justizminister Sebastian Gemkow (CDU) klar, dass er keinen Grund zum Rücktritt sieht. "Dieser Fehler hätte nicht passieren dürfen", sagte er in die Kameras. Und erteilte dann das Wort dem Mann, in dessen Gefängnis der Fehler gemacht wurde, der zum Tod des Terrorverdächtigen Dschaber Al-Bakr führte.

Es waren mehrere Fehler, da konnte der Leiter der U-Haft-Anstalt in Leipzig-Meusdorf nichts beschönigen. Gegen 19.45 Uhr fand eine Wachfrau bei ihrem Rundgang den 22-jährigen Syrer tot in seiner Zelle, erklärte Rolf Jacob. Mit seinem T-Shirt hatte er sich an einem Gitter erhängt. "Leider haben sich die Prognosen der beteiligten Fachleute nicht bestätigt, sodass es zu diesem Ereignis gekommen ist", fasste der zuständige Minister zusammen. Einfach Pech - so will der Anstaltsleiter Jacob es nicht stehen lassen. Er frage sich, "waren wir nicht doch ein bisschen zu gutgläubig".

Irrtum der Psychologin

Die Psychologin, die Al-Bakr nach dessen Einlieferung am Montag untersuchte, lag daneben. Sie traf ihn als ruhig, zurückhaltend und "durchaus interessiert" an und kam zu dem Schluss, dass keine unmittelbare Suizidgefahr vorliege. Der Gefangene habe "zu keinem Zeitpunkt nicht unter Kontrolle" gestanden, sagte der Anstaltsleiter. Ein weiterer gravierender Fehler war, dass Al-Bakrs Suizidversuche nicht als solche erkannt wurden. Die Deckenlampe in der Zelle hing am Mittwochabend plötzlich unten, der Gefangene hatte sie wohl herausgerissen. Die Beamten führten das auf blinde Zerstörungswut zurück, die bei Neuankömmlingen nicht so selten sei, sagte Jacob. Der Vorfall hatte "keine Auswirkungen auf das weitere Kontrollregime".

Die ebenfalls herausgerissene Steckdose bemerkten sie erst am Morgen darauf, als der Gefangene duschen war. Man stellte den Strom ab und reparierte die Steckdose. Al-Bakr nahm sich schließlich in einer ordnungsgemäß elek trifizierten Zelle das Leben. Aber nicht durch einen Stromschlag.

Seine Kleidung war ihm bei Einlieferung abgenommen worden, als übliche Schutzmaßnahme. stattdessen bekam er die aus Jogginghose und T-Shirt bestehende Anstaltskleidung. Das Shirt zerriss er, um sich damit zu strangulieren.

Reanimation blieb erfolglos

Eine halbe Stunde versuchte der medizinische Bereitschaftsdienst der Einrichtung, den Mann zu reanimieren. Die Versuche blieben "leider erfolglos". Als nur noch der Tod festgestellt werden konnte, wurden Polizei, Staatsanwaltschaft und Rechtsmedizin gerufen. "Wir gehen sämtlichen Hinweisen nach", sagte der Dresdner Generalstaatsanwalt Klaus Fleischmann. Dafür wurde der Leichnam gestern obduziert.

Warum ein verhinderter mutmaßlicher Selbstmordattentäter im Gefängnis als nicht selbstmordgefährdet eingestuft wird, darauf hatten gestern weder Minister noch Gefängnisleiter eine Antwort. Offenbar bewerteten die Experten in der JVA die Gefahr, die der Gefangene für andere bedeuten könnte, höher als die Gefahr für sein eigenes Leben. Man rechnete damit, dass er Mithäftlinge und Wachleute angreift, deshalb kam er in einen Haftraum mit einem Zwischengitter, das ihn von der Zellentür trennte. Die Gefängnisleitung verzichtete aber darauf, ihn in einen besonders gesicherten Haftraum zu verlegen. Ein weiterer Fehler. Insgesamt sei die Unterbringung des zurzeit wohl wichtigsten Gefangenen der Republik ein "Spagat" gewesen zwischen dem Schutz der anderen vor ihm und dem Schutz seiner selbst, räumt Rolf Lucas ein.

Die Leipziger JVA mit angeschlossenem Haftkrankenhaus ist die zweitgrößte Anstalt in Sachsen. Zehn Hektar groß ist die Anlage am südlichen Rand der Stadt, mit 400 Haftplätzen ist das Haus mittelgroß im Bundesvergleich. Hier sitzen mehrheitlich Männer ein, die sich in Untersuchungshaft befinden. Die meisten von ihnen sind jung, ein Drittel Ausländer.

Dass bei der Einlieferung des Gefangenen kein Dolmetscher anwesend war, sei nicht unüblich gewesen. Ein ordentliches Aufnahmegespräch konnte deshalb mit Al-Bakr nicht geführt werden. Gestern teilte Tillich nur knapp mit, dass er "die pauschale Kritik an der sächsischen Justiz, ohne die Vorgänge genau zu kennen", entschieden zurückweise. Seinem Justizminister sprach der Regierungschef das Vertrauen aus, der Gefängnisleitung nicht.

Zum Thema:
Im Islam ist die Selbsttötung nicht nur verboten, sie gilt sogar als schwere Sünde. In Sure 4 des Korans heißt es: "Und tötet euch nicht selbst (. . .) Doch wer das tut, aus Feindseligkeit und Frevel, den werden wir im Höllenfeuer brennen lassen." Gott hat laut islamischer Theologie das Leben geschenkt, deshalb darf der Mensch es nicht selbst beenden. Auch in den Hadithen, in denen die Taten, Bräuche und Aussagen des Propheten Mohammed überliefert werden, ist der Suizid verpönt. "Wer sich selbst erdrosselt, wird sich in der Hölle weiterhin erdrosseln!", heißt es dort. Wer sich selbst ersticht, muss sich demnach im Höllenfeuer ewig erstechen, wer sich vergiftet, muss sich auf ewig vergiften.