Brandenburg will den Weg in die inklusive Zukunft beschreiten. Was bedeutet das?
Inklusion ist das Konzept einer Gesellschaft, in der jeder Mensch akzeptiert wird und gleichberechtigt und selbstbestimmt an dieser teilhaben kann. Das betrifft Themen wie Barrierefreiheit, Mobilität, die Teilhabe am Arbeits- und gesellschaftlichen Leben, an Bildung und Erziehung oder den Schutz vor Gewalt.

Es geht um Teilhabe von rund 500 000 betroffenen Menschen in Brandenburg. . .
Ja. Es geht aber auch um deren soziales Umfeld. Immerhin sind nur etwa zehn Prozent der Menschen mit Behinderung so geboren worden. 90 Prozent erwerben ihre Behinderung im Laufe des Lebens - mit 40, 45, 50 Jahren. Ihnen allen soll Teilhabe in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens möglich sein. Sie sollen selbst entscheiden können, in welcher Wohnung sie leben, in welche Kneipen sie gehen oder welche Arbeit sie aufnehmen. Ihnen soll ein barrierefreier Zugang zu Informationen - etwa Zeitungen - möglich sein.

Inklusion, das war bisher vor allem gemeinsames Lernen. . .
Die Verengung auf Bildung war zu kurz gesprungen. Inklusion ist in dem Bereich fast zu einem Modewort geworden. Doch es geht um viel mehr. Rund 140 Projekte haben wir mit unserem Maßnahmenpaket seit 2011 umgesetzt. Der Bund hat uns dafür ausgezeichnet. Jetzt wollen wir mit den Menschen vor Ort weitermachen.

Konkret, was ist seit 2011 alles passiert?
Ich denke neben der Bildung etwa an die Betreuung von Kindern mit Behinderung im nachmittäglichen Hort. Da haben wir durchgesetzt, dass Eltern den behinderten-bedingten Mehrbedarf zur Betreuung ihres Kindes erstattet bekommen. Auch im Bereich der Barrierefreiheit sind wir gut vorangekommen. Doch all das ist ein Prozess, der lange noch nicht zu Ende ist. Ich denke da in Jahren, weil alledem immer erst ein Bewusstseinswandel vorausgehen muss.

Was bedeutet der Anspruch, Inklusion fängt in den Köpfen an?
Das ist zuerst einmal eine Haltungsfrage. Jeder Einzelne ist dabei aufgerufen, seine Bilder, die er von Menschen mit Behinderungen im Kopf hat, kritisch zu reflektieren. Und zu überlegen, ob man sich über die Vielfalt bewusst ist. Denn die rund 500 000 Menschen im Land mit Behinderungen sind höchst unterschiedlich. Manchen sieht man es an, anderen nicht. Mir als Landesbeauftragtem ist es wichtig, weiter Barrieren in den Köpfen abzubauen. Allein das reicht natürlich nicht. Es gilt auch, die Barrieren in der öffentlichen Umgebung - baulicher Art und einstellungsbedingt - anzugehen. Deshalb hat Sozialministerin Diana Golze einen breit angelegten Diskurs im ganzen Land zum Thema auf den Weg gebracht.

Wie bewerten Sie den jahrelangen heftigen Streit um Inklusion in der Schule, um gemeinsames Lernen von Kindern mit und ohne Behinderungen im Land?
Die Debatte geht weiter. Schließlich ging jeder einmal zur Schule und kann sich einbringen. Was aber nicht passieren darf, dass alle Menschen mit Behinderungen über einen Kamm geschoren werden. Es ist ein Unterschied, ob eine Seh- oder Hörbehinderung oder eine Mobilitätseinschränkung vorliegt. Trotz allem Enthusiasmus dürfen Problemlagen nicht marginalisiert werden. Allein der Umstand, dass Kinder mit und ohne Behinderungen an einer Schule sind, ohne dass etwas Zusätzliches passiert - das nenne ich nicht Inklusion, sondern Konfusion.

Was ist notwendig?
Dass Kinder an den Regelschulen ihre Bedarfe auch bekommen. Dann bin ich überzeugt, dass es klappt. Ich habe das ja am eigenen Leib erlebt. Es ist im Übrigen niemandem zu erklären, warum Kinder mit und ohne Behinderungen in der Kita gemeinsam spielen und aufwachsen - wenn es in die Grundschule geht, werden sie aber getrennt. Weil die Barrierefreiheit an der Schule fehlt.

Wie stellen Sie sich künftig ein inklusives Brandenburg vor?
Ich erhoffe mir, dass es wertgeschätzt wird, dass Brandenburg Vielfalt abbildet. Und, dass Vielfalt als etwas Positives wahrgenommen wird. Ich wünsche mir, dass die Menschen vom Nutzen überzeugt sein werden. Das braucht sicher noch Zeit. Aber, wenn kleine Kinder schon in Kita und Hort lernen, dass es Menschen gibt, die unterschiedlich sind, wenn Kinder mit Behinderungen nicht in die Sondersysteme abgedrängt werden, dann wächst das. Ich bin zutiefst überzeugt, dass es Probleme im Erwachsenenbereich nicht geben würde, wenn die Menschen von Anfang an gemeinsam aufwachsen, lernen und erzogen werden. Mit Jürgen Dusel

sprach Christian Taubert

Zum Thema:
Jürgen Dusel ist seit Mai 2010 Beauftragter der Landesregierung für die Belange der Menschen mit Behinderungen in Brandenburg. Der 51-jährige Jurist wurde in Würzburg geboren. Er ist verheiratet, Vater zweier Kinder und lebt in Cottbus. Er ist von Geburt an stark sehbehindert. Stationen seiner beruflichen Karriere waren: Jurist bei der Hauptfürsorgestelle Mecklenburg-Vorpommern; Dezernatsleiter beim Landesamt für Soziales in Cottbus; Leiter des Integrationsamtes.