Bush freilich schert sich beim Anlauf zum Wiedereinzug ins Weiße Haus nicht um Sportlerweisheiten und hat sich zu einer riskanten politischen Kehrtwende entschlossen. Wegen der vergeblichen Suche nach den vermeintlichen irakischen Massenvernichtungswaffen steht der Präsident unter wachsendem Druck - und will deshalb jetzt eine unabhängige Untersuchung zulassen, wie aus dem Weißen Haus verlautete. Die überparteilich zusammengesetzte Kommission soll herausfinden, wie die vermutlich falschen US-Regierungsberichte über die irakischen Waffenarsenale zu Stande gekommen sind.
Zu Beginn des Wahljahrs steckt Bush in einem strategischen Dilemma. Lange hatte er sich gegen eine unabhängige Kommission gesträubt. Zu unkalkulierbar mag ihm das Risiko erschienen sein, dass sich das Gremium verselbstständigt und ihn im Wahlkampf mit unbotmäßigen Enthüllungen behelligt. Angesichts drängender Fragen in der Öffentlichkeit nach einem möglichen Versagen der Geheimdienste oder gezielten Manipulationen im Vorfeld des Irak-Kriegs hat sich Bush nun zur Flucht nach vorne entschlossen. Getrieben wurde das Weiße Haus sicherlich auch von Umfragen, die den möglichen demokratischen Präsidentschaftskandidaten John Kerry am Wochenende vor Bush sahen.
Mit der geplanten Kommission, der auch Vertreter der oppositionellen Demokraten angehören sollen, will der Präsident zumindest vorerst die Initiative behalten und seinen Willen zur Aufklärung unter Beweis stellen. Erst im November 2005, also ein Jahr nach der Wahl, soll das neunköpfige Gremium nach Informationen der "Washington Post" seinen Abschlussbericht vorlegen können. Unangenehmen Fragen wird der Präsident also voraussichtlich mit Verweis auf die laufenden Ermittlungen des Gremiums ausweichen.
Maßgeblich befördert wurde die Kehrtwende im Weißen Haus vom früheren Chefinspektor David Kay, der im Regierungsauftrag in Irak nach den Massenvernichtungswaffen gesucht hatte. Was Kay nach Washington zurückbrachte, war nicht die nachträgliche Rechtfertigung des Kriegs, sondern die Erkenntnis, dass der Irak wohl keine Massenvernichtungswaffen besaß. Bei einer Anhörung im Senat unterstützte er vergangene Woche die Forderung der Opposition nach einer unabhängigen Untersuchung: "Das ist nicht nur wichtig für unsere Nation, sondern auch für unsere Glaubwürdigkeit als Weltmacht."
Kays Kritik wiegt umso schwerer, als der Waffenexperte erklärtermaßen ein konservativer Kriegsbefürworter ist.