Der Fernsehspot zeigt ihn in Kampfuniform und mit Gewehr im Dschungel und auf der Bühne ist der Senator von alten Kriegskameraden umringt: Im US-Wahlkampf sucht John Kerry, der wahrscheinliche Präsidentschaftskandidat der oppositionellen Demokraten, seinen Status als Vietnamveteran mit allen Mitteln herauszustellen. Das Ziel ist es, den Konservativen den Alleinanspruch auf den Patriotismus streitig zu machen. Kerrys Strategie bringt George W. Bush bereits in Schwierigkeiten: Der Präsident muss sich neu aufgelegter Vorwürfe erwehren, er habe sich vor Vietnam gezielt gedrückt, indem er der texanischen Nationalgarde beitrat.
Leutnant Kerry war freiwillig in Vietnam, kommandierte ein Boot, tötete eigenhändig, wurde drei Mal im Kampf verletzt und mit vier Orden ausgezeichnet. Doch im Wahlkampf überlässt er es lieber Anderen, von seinen Heldentaten zu erzählen - Jim Rassmann zum Beispiel. Rassmann würde ohne Kerry nicht leben, wie er bei einer emotionalen Wiederbegegnung nach 35 Jahren mit dem Senator erzählte. Kerry, selbst am Arm verletzt, habe ihn damals unter Einsatz seines Lebens inmitten eines wilden Feuergefechts aus dem Wasser gezogen.
Solche Heldengeschichten kommen gut an in Amerika. Und Kerry verbindet sie mit harten Attacken auf die Sicherheitspolitik der Bush-Regierung, der er vorwirft, ohne zwingenden Grund und ohne ausreichende internationale Unterstützung in den Krieg in Irak gezogen zu sein. Gern spießt Kerry dabei auch Bushs Auftritt im Mai in Pilotenuniform auf einem Flugzeugträger auf, als der Präsident das Ende der Hauptkämpfe in Irak verkündete. "Ich verstehe wirklich etwas von Flugzeugträgern", dröhnt Kerry durch den Saal.
Die Bedeutung, die sich in diesem Wahlkampf für das Militärische abzeichnet, entspringt den verschärften Bedrohungsszenarien seit dem 11. September 2001. Der Anti-Terror-Kampf hat die traditionell hohe Identifikation der US-Bevölkerung mit der Armee noch gesteigert. Und nicht zuletzt sind die Soldaten und Veteranen eine wichtige Wählergruppe: Die 26 Millionen Veteranen, die 1,5 Millionen Soldaten im aktiven Dienst sowie die 1,2 Millionen Reservisten und Nationalgardisten stellen fast 20 Prozent der Wahlberechtigten.
Bush hatte ursprünglich gehofft, seine Rolle als Oberkommandierender der Streitkräfte als Trumpfkarte gegen die Demokraten ausspielen zu können. Doch Kerry könnte ihm einen Strich durch die Rechnung machen - nicht zuletzt, wenn es ihm weiter gelingt, das Biographische in den Vordergrund zu rücken. Denn Bushs Militärzeit bietet nicht gerade den Stoff für Heldengeschichten. Nicht nur, dass die Nationalgarde als sicherer Weg galt, sich dem Marschbefehl an die Front zu entziehen. Der Präsident wird auch verdächtigt, sich ein Jahr lang nicht bei seiner Einheit gemeldet zu haben. Bush habe sich "ohne Erlaubnis vom Militärdienst entfernt", wetterte der Vorsitzende des Demokratischen Nationalkomitees, Terry McAuliffe.
Dass diese Angelegenheit jetzt erneut aufgebracht werde, sei "eine Schande", schimpfte Präsidentensprecher Scott McClellan. Außerdem sucht das Bush-Lager die Gegenoffensive, indem es Kerry vorwirft, im Senat wiederholt gegen die Belange des Militärs und der Geheimdienste gestimmt zu haben. Zudem zeichnet sich ab, dass ein Duell Kerry-Bush auch alte Wunden in der Gesellschaft aufreißen könnte, indem es die Vietnam-Debatte neu belebt. Denn Kerry wurde nach Rückkehr aus dem Krieg zur Leitfigur der Friedensbewegung, wobei er auch Gräueltaten von US-Soldaten anprangerte. Viele Konservative sehen dies noch heute als Verrat. Kerry dagegen ist durch seine Vietnam-Erfahrung zum Kriegsskeptiker geworden: Mit ihm als Präsident würden die USA nur dann in den Krieg ziehen, wenn "wir müssen", kündigte er an.