Die Briten sind mittlerweile reicher als die Deutschen. Das erklärt, warum Tony Blair morgen nach allen Umfragen als erster Labour-Premier der Geschichte den dritten Wahlsieg in Folge erringen wird. Zwar ist er seit dem Irak-Krieg so unbeliebt, dass seine Partei in ihren Wahlkampfbroschüren lieber kein Foto von ihm abdruckt, aber eine Regierung, unter deren Führung es dem Land nun schon acht Jahre so gut geht, wird nicht abgewählt.
Das alles bedeutet nicht, dass der typische Brite rundum zufrieden ist. Um seinen Arbeitsplatz fürchtet er zwar kaum, aber dafür hat er zum Beispiel Angst, krank zu werden und in eine jener Kliniken zu kommen, die auch schon mal einen 25-Kilo-Tumor jahrelang übersehen. Die Verbesserung des Gesundheitswesens ist deshalb ein zentrales Wahlkampfthema.
Andere Themen in diesem "langweiligsten Wahlkampf aller Zeiten" (The Sun) sind schwerer nachzuvollziehen. Wie würde es hier wirken, wenn die größte Oppositionspartei in überregionalen Zeitungen seitengroße Anzeigen aufgäbe, in denen sie ausschließlich die Belästigung durch Zigeuner anprangert? Das hat der konservative Spitzenkandidat Michael Howard getan.
Sein Lieblingsthema sind Einwanderer. Lauthals beklagt er "unkontrollierte Zuwandererströme". Dass die Ausländerquote in Großbritannien nur fünf Prozent beträgt, in Deutschland aber neun und in den USA zwölf Prozent - das sagt er nicht. Das Problem der Konservativen ist, dass sie kaum wissen, wie sie sich von Labour absetzen sollen. Denn die ihr angestammte Wirtschaftspolitik haben sie an jene Partei verloren, die noch bis Mitte der 90er-Jahre die Verstaatlichung der Produktionsmittel im Programm stehen hatte - die „gute, alte Labour-Partei“ wie Schröder sie nannte.
Auch ein anderes klassisches Thema der Konservativen zieht nicht mehr: Die "Tories" sind seit jeher die Partei der Steuersenkungen. Nur schreckt gerade das viele ab. Die Briten erinnern sich gut, wie Wartelisten in Kliniken unter den Konservativen immer länger wurden, wie es in Museen durch die Decke tropfte und auf den verrotteten Bahnstrecken furchtbare Unglücke gab. Dieser "schlanke Staat" war doch zu mager. Und dass Labour Mindestlohn und Kindergeld eingeführt hat, das finden die meisten auch nicht schlecht.
Bleibt der Irak. Das Wort reicht, um den Absturz Blairs auf der Liste der beliebtesten Politiker zu erklären. Die meisten sind davon überzeugt, dass er sie belogen hat. Doch den Konservativen nützt das nicht - sie waren auch für den Krieg. Und die kleine Oppositionspartei der Liberaldemokraten, die dagegen war, weiß, dass das Thema kaum Wahl entscheidend ist.
Im Fall seiner Wiederwahl will Blair am Ende der Legislaturperiode zurücktreten, also in etwa vier Jahren. Doch man munkelt, dass sein beliebterer Rivale, Finanzminister Gordon Brown, schon eher aus seiner Amtswohnung in Downing Street Nr. 11 ins Nachbarhaus umziehen wird.