Auf den Straßen von Kinshasa herrscht immer noch Krieg. Die Gegner sind jedoch keine Milizen mehr, sondern die Fahrer der vielen schrottreifen Autos und Kleinbusse. Statt aufeinander zu schießen, wird gehupt, geschnitten und gedrängelt, zur Not auch unter Einsatz des Kotflügels. Eine Macke mehr oder weniger macht auch nichts. Seitenspiegel hat ohnehin fast niemand mehr. Manche haben eingeschränkte Sicht, weil die Scheiben gesprungen sind, andere sehen besonders klar, weil sie gar keine Windschutzscheibe haben.
"Die Menschen sind Krieg und Gewalt Leid. Wir wollen endlich Politiker, die vom Volk gewählt sind und vom Volk kontrolliert werden können", meint Mankiew Makwanga, ein Augenarzt aus Kinshasa. "Die, die jetzt an der Macht sind, haben keine Vision für das Land, sondern sehen zu, wie es ausgebeutet wird und bereichern sich selbst auch noch daran", sagt er.
Wahlen in einem Land zu organisieren, das so groß ist wie Westeuropa, aber außerhalb der Hauptstadt so gut wie keine geteerten Straßen hat, ist ein logistischer Albtraum. "Es ist, als ob man in Lissabon sitzt und Wahlen in Kopenhagen vorbereiten soll und dazwischen jede Menge Regenwald wuchert", meint David Backler, der zur UN-Mission im Kongo (Monuc) gehört und für die Logistik verantwortlich ist. "Es ist ein völlig unmöglicher Job, aber gerade deswegen so spannend", sagt er mit britischer Gelassenheit.

"Wahlkisten" auf dem Kopf
Die Wahlmaterialien werden zunächst auf dem Luftweg in größere Orte transportiert. Die UN-Mission, die über die zweitgrößte Luftflotte des Kontinents verfügt, stellt etwa 100 Flugzeuge und Hubschrauber zur Verfügung. Dann geht es per Boot, Motorrad oder zu Fuß weiter bis in die abgelegensten Orte. Die letzten Kilometer werden die meisten "Wahlkisten" wohl auf dem Kopf durch den Busch getragen. Eine solche Kiste enthält nicht nur Stimmzettel und eine Wahlurne, sondern auch Stifte und eine Lampe mit Batterien. "Wir müssen an alles denken", sagt Backler. Insgesamt soll es 55 000 Wahllokale geben. In Kinshasa rechnet kaum jemand damit, dass es während der Wahl zu Ausschreitungen kommen wird. Doch im Kongo kann die Gewalt schnell wieder aufflackern.
Die UN-Mission ist zwar derzeit die größte weltweit, aber die 17 000 Soldaten sind zu wenige, um im ganzen Land für Ordnung zu sorgen. Etwa genau so viele UN-Soldaten waren auch in Sierra Leone, das nicht mal so groß ist wie Österreich. Allein im Kosovo, das etwa der Größe Kinshasas entspricht, waren 40 000 Nato-Soldaten.
Die Vereinten Nationen haben deswegen die Europäische Union ermächtigt, für die Zeit der Wahlen eine Eingreiftruppe mit etwa 1500 Soldaten zu schicken. Nach längerem Zögern hat Deutschland eingewilligt, nicht nur etwa 500 Soldaten zu stellen, sondern auch die Führungsrolle zu übernehmen. In den kommenden Wochen soll der Bundestag über den geplanten Einsatz abstimmen.
"Die EU spielt längst eine wichtige Rolle hier, indem sie den Wiederaufbau und die Wahlen unterstützt", meint Ross Mountain, der Nothilfe-Koordinator der Vereinten Nationen in Kinshasa. "Es ist ein wichtiges politisches Signal, dass sie nun Soldaten schickt."
Die wenigsten "Kinois", wie die Einwohner von Kinshasa genannt werden, wissen etwas davon, dass demnächst deutsche Soldaten auf ihrem Boulevard patrouillieren könnten. "Deutsche Soldaten? Keine Ahnung", meint Tarsis Chibanda, ein Ministerialbeamter. "Aber Hauptsache, eine neutrale Truppe ist da, um für Ordnung zu sorgen", fügt er hinzu.
Der amtierende Präsident Joseph Kabila hat gute Chancen, seine eigene Nachfolge anzutreten. Der 34-Jährige ist in erster Linie Sohn seines Vaters, Laurent Desiré Kabila, dessen Porträt auch fünf Jahre nach seinem Tod in den Straßen von Kinshasa häufiger zu sehen ist als das seines Sohnes. Der jüngste Staatschef Afrikas gilt als Marionette reicher Geschäftsleute, die ungehindert die Bodenschätze des Kongos plündern. Das Familienvermögen der Kabilas beträgt etwa eine Milliarde Dollar.
Worum es im Kongo wirklich geht, das wird im Osten des Landes deutlich. Die Stadt Lubumbashi, Hauptstadt der Provinz Katanga, hat nicht nur einen Schnellimbiss namens "KFC - Katanga Fried Chicken", sondern ist auch der Sitz der staatlichen Gesellschaft Gécamines. In besseren Zeiten hatte Gécamines 33 000 Angestellte, betriebseigene Siedlungen, Schulen und Kliniken. Das Unternehmen produzierte vor allem Kupfer und Kobalt, insgesamt mehr als 400 000 Tonnen pro Jahr. Heute stehen die weitläufigen Bürogebäude von Gécamines zum großen Teil leer. Auf dem Firmenschild ist noch immer "Zaire" zu lesen, der Name, den der langjährige Diktator Mobuto Sese Seko dem Land gegeben hatte. Die rot-weiße Farbe blättert überall ab, und der Springbrunnen ist trocken. Der Pförtner ist immer noch der alte. Er hält in der - natürlich - mit Kupfer verkleideten Empfangshalle Stellung, hört kongolesische Musik aus einem Kofferradio und bedient ein Drehscheibentelefon mit Firmeninsignien, wenn Besucher kommen. "Jaja, unter Mobutu ging's uns besser", sagt er. "Damals wurde auch schon viel gestohlen, aber jetzt bleibt gar nichts mehr übrig", fügt er hinzu und lacht herzlich. Galgenhumor ist im Kongo weit verbreitet. Heute produziert Gécamines nic ht einmal ein Zehntel der früheren Menge. Stattdessen haben ausländische Gesellschaften windige Verträge abgeschlossen, die ihnen die hemmungslose Ausbeutung gestatten. Das amerikanische Bergbau-Unternehmen Phelps Dodge etwa hat im August 2005 die Konzession zum Abbau der größten bislang unberührten Kupferreserven in Katanga erworben. Der Wert dieser Vorkommen wird nach heutigen Preisen auf etwa 90 Milliarden Dollar geschätzt. Angesichts dieser Summe erscheinen die 15 Millionen Dollar, die offiziell für die Konzession gezahlt wurden, lächerlich gering. Beobachter gehen davon aus, dass die Kabila-Familie an diesem Handel gut mitverdient hat.

Milizen-Terror in Katanga
Fast überall, wo es im Kongo Rohstoffe gibt, ist von Frieden noch keine Spur. Eine Flugstunde nördlich von Lubumbashi sind kürzlich erst 16 000 Menschen aus ihren Dörfern vertrieben worden. Eine Miliz namens Mai Mai terrorisiert die Bevölkerung. Die Regierung tut nichts dagegen, weil die Unsicherheit die illegale Ausbeutung der Bodenschätze erleichtert. Die Menschen leben in einer der reichsten Regionen des Kontinents, doch sie haben kaum genug zum Überleben.
"Die Mai Mai haben unsere Hütten in Brand gesteckt und vier meiner Geschwister erschossen", erzählt Mumba Kabambi, ein 28-Jähriger. "Wir sind im Dorf gut aufgenommen worden, aber es gibt nicht genug für alle zu essen." Der Boden in Katanga ist zwar gut für Landwirtschaft geeignet. Doch wegen der Unruhen können die Menschen ihre Felder nicht bestellen.
Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) hat im April damit begonnen, über Katanga Lebensmittel aus dem Flugzeug abzuwerfen. Es ist das erste Mal seit 1998, dass sich das WFP außerhalb des Sudans zu einem solch aufwändigen und teuren Einsatz in der Region entscheidet.
Aber auch auch in diesen Dörfern warten die Menschen sehnsüchtig darauf, wählen zu gehen. "Natürlich habe ich mich registrieren lassen", sagt der 80 Jahre alte Felix Kapia. "Ich werde den Alten (Kabila) wählen, er hat immer gut für uns gesorgt", fügt er hinzu. Dass im weit entfernten Kinshasa längst nicht mehr "der Alte", sondern dessen Sohn an der Macht ist, schien ihn nicht weiter zu interessieren.