Von Benjamin Lassiwe

Christian Stäblein hat zehn Jahre Zeit. So lange dauert die Amtszeit des am Freitag neu gewählten Bischofs der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO). So lange kann er Anregungen geben, auf neue Ideen hören, sie umsetzen und gestalten. Und das wird auch nötig sein.

Noch ist die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz mit 940 000 Mitgliedern eine der größten, wenn nicht die größte Massenorganisation der Region. Das sieht man etwa am Vergleich mit dem DGB, der in seinem Bezirk Berlin-Brandenburg Anfang 2018 rund 360 000 Gewerkschaftsmitglieder vertrat. Doch als die EKBO 2004 entstand, hatte sie noch 1,2 Millionen Kirchenmitglieder. Vor allem durch Sterbefälle verliert die Landeskirche jedes Jahr die Bevölkerung einer Kleinstadt.

Will die Landeskirche relevant bleiben, will sie auch weiterhin eine Stimme sein, deren Positionen in der Gesellschaft wahrgenommen werden, hat sie deswegen keine Wahl: Das Thema „Mitgliederentwicklung“ muss sie in Angriff nehmen, zumal davon auch die Höhe der Kirchensteuer abhängt. Schließlich ist sie letztlich nichts anderes als ein im Auftrag der Kirche und gegen Bezahlung vom Staat eingezogener Mitgliederbeitrag.

„Es kommt darauf an, dass wir die Kirche nach außen missionarisch und attraktiv gestalten, und in Vielfalt und Buntheit zusammenbleiben“, sagte Stäblein am Freitag. „Wir brauchen gemeinsam alle guten Ideen und Initiativen, um als Kirche über unseren Raum hinaus in die Gesellschaft zu sprechen.“

Doch wenn Stäblein über so etwas spricht – zum Beispiel im März auf der Frühjahrssynode des Kirchenkreises Niederlausitz – ist er nicht verbissen. Ihm geht es nicht um Wachstum um jeden Preis. Es geht darum, fröhliche, einladende Kirche zu sein. Vieles werde an der Glaubwürdigkeit von Personen hängen.

 Und das gilt auch für die politischen Positionierungen von Kirche. Auf der Frühjahrssynode wurde Bischof Markus Dröge hier noch einmal deutlich. Etwa in Sachen Flüchtlingspolitik, wo die Kirche derzeit beobachten muss, wie beispielsweise das eigentlich mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge geregelte Kirchenasyl immer stärker unter Druck gerät. Hier werde „Symbolpolitik auf Kosten der Schwächsten“ gemacht, sagte Dröge.

In der Lausitz wiederum will sich die Kirche nicht nur für das Erreichen der Klimaziele, sondern auch für den sozialen Frieden einsetzen. „Wir müssen Möglichkeiten schaffen, damit die Förderprogramme einfacher realisiert werden können“, sagt Dröge. „Die Zivilgesellschaft soll verstärkt beteiligt werden; es braucht gesetzliche Regelungen für die Sanierung der Tagebaue und Kraftwerke nach dem Verursacherprinzip.“ Es ist davon auszugehen, dass Stäblein solche Positionierungen fortführen wird – als Propst hat er sie schließlich mehrere Jahre mitgetragen.

Und dann ist da noch die Ökumene. Als Propst vertritt Stäblein derzeit die EKBO im Ökumenischen Rat Berlin-Brandenburg. Und dort können die Protestanten manches lernen: Denn die Katholiken in der Region stehen vor völlig anderen Herausforderungen als die Protestanten.

Das katholische Bistum Görlitz, dass nur rund 30 000 Christen zählt, lebt schon heute unter ganz anderen Bedingungen als die große, starke EKBO. Wer die alte Villa, in der der Görlitzer Bischof Wolfgang Ipolt residiert, mit der Berliner Kirchenverwaltung von Markus Dröge vergleicht, sieht das sofort.

Doch die katholische Diözese, die in diesem Jahr ihr 25-jähriges Jubiläum feiert, wächst. Die Zuzüge aus Polen sind Schuld daran. Und mit dem Kloster in Neuzelle hat Ipolt einen neuen geistlichen Schwerpunkt in einer Region geschaffen, wo katholischerseits bislang nicht viel war.

An andere Orte zu gehen, Kirche außerhalb der Kirchenmauern zu sein – das schwebte auch Christian Stäblein vor, als er vor der Kreissynode Niederlausitz von „dritten Orten“ sprach. Da könnte es sein, dass die beiden großen Kirchen gerade in der Lausitz noch viel voneinander lernen können.