Der Schritt klärt einiges - und schafft gleichzeitig Verwirrung. Per Mail an alle Linken-Abgeordneten teilte die "Erste stellvertretende Fraktionsvorsitzende" Sahra Wagenknecht (43) am Freitagmorgen mit, dass sie im Herbst nicht als Fraktionschefin kandidieren werde. Sie wolle sich auf das konzentrieren, was sie am besten könne. Ob sie damit meinte, weiterhin nur Stellvertreterin zu sein, ließ sie offen. Amtsinhaber Gregor Gysi war am Vorabend telefonisch informiert worden - und reagierte spitz: "Entscheidend ist, wie sie erklärt, dass ihr die spezifische Leitungstätigkeit nicht liegt."

Gemeint ist die Fähigkeit zum Ausgleich, die der Job verlangt. Wagenknecht aber war immer Flügelfrau der Linken innerhalb der Linken. Und zudem jemand, die stur bei ihrer Auffassung blieb. Gysi, inzwischen 67, hielt sie deshalb noch nie für fähig, seinen Stuhl einzunehmen, obwohl sie nach ihm die populärste und fernsehtauglichste Linke ist. Zuletzt gab es deshalb die Idee, im Herbst eine Doppelspitze aus dem Realo Dietmar Bartsch und Wagenknecht zu bilden. Das Modell ist nun passé; es ist niemand sonst vom linken Flügel in Sicht, der Bartsch Paroli bieten könnte, erst recht keine Frau aus dem Westen.

Politikerin mit Luxemburg-Image

Als solche gilt Wagenknecht, weil sie in Dortmund ihren Wahlkreis hat, und weil sie seit einigen Jahren mit Oskar Lafontaine zusammenlebt, dem Ex-Parteichef. Dabei ist sie ein Ost-Gewächs, allerdings auch dort schon mit eigenem Kopf. In der Jugend viel Ärger mit der SED, inklusive Studiumsverbot, später dort eingetreten, um den Sozialismus zu reformieren. Dann Mitglied der Kommunistischen Plattform. Wagenknecht pflegt das Image einer neuen Rosa Luxemburg.

Unbeugsamkeit gehört zu ihrem Markenkern. Argwöhnisch beobachtete sie, wie der Realo-Flügel versuchte, den Kurs einer strikten Ablehnung jedes Militäreinsatzes aufzuweichen, um koalitionsfähig zu werden. Die Streitigkeiten wurden härter. Rot-Rot-Grün ist für Wagenknecht, ebenso wie für Lafontaine, nur eine Option, wenn SPD und Grüne ihre "Kriegspolitik" ändern.

Vollends angefressen war Wagenknecht dann aber bei der Griechenland-Abstimmung vergangene Woche. Sie hatte sich stets klar gegen die Rettungspolitik der Bundesregierung positioniert. Statt Sparauflagen müsse es einen Schuldenschnitt und Investitionsprogramme geben.

Noch mal mit Gysi?

Doch am Freitag stimmten die meisten Linken zum ersten Mal einem Euro-Rettungsantrag der Bundesregierung zu - weil es um die Unterstützung der neuen linken griechischen Regierung von Alexis Tsipras ging. Wagenknecht hatte Enthaltung als Ausweg aus der Zwickmühle empfohlen, fand sich aber in einer hoffnungslosen Minderheit wieder: Nur zehn von 64 folgten ihr.

Das ist das Spiegelbild der realen Machtverhältnisse, auf die sie im Zweifel als Fraktionsvorsitzende hätte bauen können. Zu wenig. Ihre offizielle Begründung, sie habe am Freitag in der Sonder-Fraktionssitzung vor der Abstimmung nicht einmal mehr reden dürfen, was ein "offener Affront" sei, darf getrost als vorgeschoben gelten.

Am Dienstag, als es viel ausführlicher um das Abstimmungsverhalten ging, durfte sie sprechen. Sogar die beiden Parteichefs Bernd Riexinger und Katja Kipping, nicht eben Gegner Wagenknechts, meinten gestern, die Debatte sei "sehr gut und sachlich gewesen". Zurück blieben sehr schmallippige "solidarische Grüße" der Verzichtenden am Ende ihres Schreibens. Und an der Spitze der Linken allgemeine Ratlosigkeit, wie es jetzt personell weitergeht. Doch noch mal mit Gysi?