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| 02:41 Uhr

Waffen, die nur scheinbar mehr Sicherheit bringen

FOTO: dpa
Cottbus/Dresden. Die Tendenz ist eindeutig. Immer mehr Bürger kaufen Schreckschuss-, Signal- und Reizstoffwaffen – auch in Brandenburg und Sachsen. Ihr Vertrauen, dass Polizei und Staat ausreichend für ihre Sicherheit sorgen, ist tief erschüttert. Für Brandenburgs GdP-Chef Andreas Schuster ist das "eine falsche Tendenz". Christian Taubert

Seit sechs Jahren betreibt Anke Knappick ihr Qutdoor-Geschäft in Cottbus-Sachsendorf. Neben der kompletten Palette preisgünstiger funktionaler Bekleidung, von Zelten oder Schlauchbooten bietet sie hier auch fachmännisch frei verkäufliche Waffen an. Gegenüber der RUNDSCHAU sagt Knappick, die nach eigenen Angaben Marktführerin für derartige Waffen in der Lausitzmetropole ist: "Bei Schreckschusswaffen, Pfefferspray und Reizgas ist der Absatz seit mehr als drei Monaten in die Höhe geschnellt."

An die Bundeskanzlerin hat die Geschäftsfrau deshalb schon im September des Vorjahres einen Brief geschrieben. "Ich habe mich für die steigenden Umsätze bedankt", sagt die 29-jährige Chefin des "Outlife", die die Politik damit wachrütteln wollte. Um die Dimension zu verdeutlichen, gibt sie einen Umsatz in diesem Bereich preis: Hatte sie bisher 40 Kartuschen Pfefferspray im Monat verkauft, so sind es jetzt 200 in der Woche. Beim Nachordern hätten viele Händler schon Schwierigkeiten bekommen. In dem Schreiben an Angela Merkel stellt Anke Knappick, die von den Umsatzzahlen profitiert, trotzdem klar: "Das ist nicht der richtige Weg."

Die Cottbuserin verweist auf einen Trend, der auch vom Verband Deutscher Büchsenmacher und Waffenhändler bestätigt wird. Die Umsätze 2015 seien doppelt so hoch wie im Vorjahr, erklärt Geschäftsführer Ingo Meinhard. Nach seinen Angaben gab es nach den Terroranschlägen von Paris noch einmal einen Schub. "Die Bürger haben ein gesteigertes Sicherheitsbedürfnis", verdeutlicht Meinhard. Allerdings weist er darauf hin, dass die meisten Abwehrmittel nie eingesetzt werden.

Die zunehmende Bewaffnung schlägt sich auch in der Statistik des Brandenburger Polizeipräsidiums nieder. Die Potsdamer sind Waffenbehörde für das ganze Land, auch wenn Waffenschein-Anträge in den Polizeidirektionen gestellt werden können. Wie Mario Heinemann von der Pressestelle des Polizeipräsidiums auf Anfrage mitteilt, beantragten im Jahre 2015 von Uckermark bis Lausitz 545 Bürger einen kleinen Waffenschein. Er wurde mit der Änderung des Waffengesetzes 2002 eingeführt.

Damit stieg die Gesamtzahl auf 7036 gültige Genehmigungen. Das ist aber nicht gleichbedeutend mit der Anzahl von Schreckschuss-, Reizstoff- und Signalwaffen im Land, deren Gebrauch der kleine Waffenschein regelt (siehe Infobox). Denn nur wer diese Waffen auch in der Öffentlichkeit bei sich tragen will, benötigt die polizeiliche Erlaubnis. Die persönliche Eignung des Besitzers soll mindestens alle drei Jahre überprüft werden. Zum Tragen einer scharfen Waffe sind in Brandenburg 95 Personen mit entsprechendem Waffenschein berechtigt.

In Sachsen ist nach Angaben des Innenministeriums die Anzahl der Menschen mit einer waffenrechtlichen Erlaubnis in den vergangenen zwei Jahren um knapp 3000 gestiegen. Demnach waren Ende Oktober des Vorjahres 37 579 Bürger im nationalen Waffenregister gespeichert. Der Innenexperte der Grünen im Landtag Valentin Lippmann, der eine Parlamentsanfrage zumThema gestellt hatte, nannte die Zahlen erschreckend. "Die Sachsen versuchen offensichtlich, vermehrt an erlaubnispflichtige Waffen zu kommen."

Der Zugang zu den Waffen erfolge vor allem über die Schießsportvereine. Dort hätten sich von Januar bis Oktober 2015 insgesamt 346 Personen zu Sachkundeprüfungen angemeldet. "So viele Prüfungsteilnehmer haben sich in den gesamten letzten vier Jahren nicht angemeldet", erklärte Lippmann. Auch bei staatlich anerkannten Lehrgangsträgern habe die Zahl der Prüfungsteilnehmer zugenommen. "Dem Run auf erlaubnispflichtige Waffen muss ein Riegel vorgeschoben werden", forderte der Grünen-Politiker.

So weit geht der Chef der Gewerkschaft der Polizei (GdP) in Brandenburg, Andreas Schuster, nicht. Er nennt die zunehmende Bewaffnung der Bürger aber "eine falsche Tendenz". Entstanden sei diese Situation, "weil das subjektive Sicherheitsgefühl der Bürger gelitten hat": vor dem Hintergrund der Terroranschläge von Paris, des Flüchtlingsstroms bis hin zu Diebstahl- und Einbruchsdelikten oder der Grenzkriminalität.

Sich aufgrund der allgemeinen Verunsicherung und der Angst vor dem Ungewissen zu bewaffnen - jetzt würden die Übergriffe in der Silvesternacht in Köln dazukommen -, könne kein Ausweg sein. "Der Staat muss dafür sorgen, dass sich die Bürger sicher fühlen", betont Schuster. Zudem sollte sich jeder Waffenbesitzer bewusst sein: Ein Straftäter, der sich mit einer Waffe bedroht sieht, schreckt nicht vor dem Einsatz einer scharfen Waffe zurück. Der Polizist Schuster gibt zu bedenken, dass eine Schreckschusswaffe nicht von einer echten Pistole zu unterscheiden sei. Das Risiko, sich bei Nutzung von Schreckschuss-, Signal- und Reizstoffwaffen selbst in Gefahr zu bringen, sei groß. Diese Waffen, so Schuster, "bringen nur scheinbar mehr Sicherheit".

Zum Thema:
Der kleine Waffenschein berechtigt zum Führen von Schreckschuss-, Signal- und Reizstoffwaffen (SRS-Waffen) mit dem Zulassungszeichen der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB). Diese Waffen dürfen bei Erfüllung bestimmter Voraussetzungen (z. B. Mindestalter 18 Jahre) in der Öffentlichkeit mit sich geführt werden.Der Besitz der Waffen erfordert den kleinen Waffenschein nicht. Das schuss- und/oder zugriffsbereite Führen von SRS-Waffen ist nur Inhabern des kleinen Waffenscheins gestattet. Die waffen- und versammlungsrechtlichen Verbote des Führens von Waffen bei öffentlichen Veranstaltungen sowie die Vorschriften über Notwehr und Notstand gelten auch für Inhaber eines kleinen Waffenscheins.