"Naturschutz ist hier kaum ein Thema, weder in der Gesellschaft noch in der Politik."
 Hartmut Müller,
Direktor des Nationalparks


Wer an Aserbaidschan denkt, denkt normalerweise nur an Öl und Gas. Für Naturschützer allerdings zählt die Kaukasusrepublik zu den artenreichsten Regionen Europas, die zum Beispiel mehr als doppelt so viele Pflanzenarten wie Deutschland vorweisen kann. Auch die Halbwüsten- und Steppenlandschaft des Schirwan-Nationalparks ist reich an vielen seltenen Tier- und Pflanzenarten. Eine Autostunde entfernt von Baku grasen hier seltene Kropfgazellen, Wölfe und Schakale fühlen sich wohl und vielen Vogelarten dient die Region als Rastplatz auf dem Vogelzug.
Dass ein Deutscher an der Spitze eines osteuropäischen Nationalparks steht, ist außergewöhnlich. "Es ist ein Experiment", sagt selbst Müller. Er soll, so erwartet das der aserbaidschanische Staatsminister für Ökologie und Naturressourcen, Goussein Bagirow, in dem Nationalpark für Ruhe und Ordnung sorgen und - quasi nebenbei - die vom Aussterben bedrohte Kropfgazelle retten. "Meine wichtigste Aufgabe ist, die strengen Nationalparkverordnungen durchzusetzen", beschreibt Müller seine Mission.
Viele Direktoren vor ihm waren an dieser Vorgabe in den Augen des Umweltministers Bagirow gescheitert. Nun soll es der Deutsche richten. Müller soll dabei nicht nur seine langjährige Erfahrung auf dem Gebiet des internationalen Naturschutzes einbringen, sondern auch deutsche Tugenden, die im Kaukasus wohlgelitten sind: Ordnung und Disziplin. Dabei hat Müller keinen leichten Stand. Er kann nur wenig Aserbaidschanisch, die kulturellen Unterschiede zu Deutschland sind beträchtlich und der Naturschutz-Handelsreisende ist nicht in einem lokalen Familienclan eingebunden, was für eine erfolgreiche Karriere in dem Ölstaat am Kaspischen Meer durchaus förderlich sein kann. Das gereicht ihm aber auch zum Vorteil: "Ich muss hier im Unterschied zu Einheimischen auf kaum jemanden Rücksicht nehmen", sagt Müller, der sich vor Ort auf Russisch und Englisch verständigt.
Müllers Problem ist, dass bei vielen Aserbaidschanern das Umweltbewusstsein noch nicht sehr ausgeprägt ist. "Naturschutz ist hier kaum ein Thema, weder in der Gesellschaft noch in der Politik", sagt er. Entlang den Schnellstraßen bei Baku ist das besonders augenscheinlich. Auf Kilometern säumen Plastiktüten die Ausfallstraßen. Den niedrigen Stellenwert des Naturschutzes bekommt Müller auch in seiner täglichen Arbeit zu spüren - sein Budget für den Nationalpark ist knapp bemessen, obwohl Müller das wohl nie beklagen würde. Mit einem alten Lada-Niva-Geländewagen und einem Kleinbus sowie zwei klapprigen Motorrädern kontrolliert er mit seinen 43 Mitarbeitern ein 650 Quadratkilometer großes Gebiet; ein Areal, das etwas kleiner als Hamburg ist. Ein eigentlich aussichtsloses Unterfangen im Kampf gegen Wilderer und Hirten, zumal die Schutzgebietsgrenzen häufig auch gar nicht markiert sind.
Allerdings erntet der Naturschutzglobetrotter langsam die ersten Früchte seiner Arbeit. Schnell sprach sich in den Dörfern rund um den Nationalpark herum, dass der neue Direktor aus Deutschland penibel Verstöße gegen die Nationalparkgesetze ahndet. Müller erwischte anfangs einige Hirten, die verbotenerweise ihre Schafe, Kühe und Pferde im Nationalpark weiden ließen. "Weil die Strafen nach der Anzahl der Tiere bemessen werden, tat das den Schäfern, die ich mehrmals erwischte, richtig weh", sagt Müller. Manche zahlten bis zu 50 Manat, (44 Euro) ein durchschnittliches Monatseinkommen auf dem Land in Aserbaidschan. Seit die Wilderer wissen, dass Müller Gesetze umsetzt, ist auch Schluss mit der Knallerei, denn ein Jahr Gefängnis und eine Geldstrafe von 1700 Manat (1480 Euro) bekommen Jäger aufgebrummt, die illegal Jagd auf die seltenen Gazellen machen. Weil die Störungen im Schutzgebiet weniger werden, hat Müller nun auch mehr Zeit, sich um den Ökotourismus zu kümmern. Denn dieser soll, so will es der Minister, zum wirtschaftlichen Wohl der Region ausgebaut werden. Helfen soll dabei die Kropfgazelle, die in Aserbaidschan Nationaltier ist. 50 000 bis 60 000 der schlanken Gazellen lebten vor 100 Jahren noch in Aserbaidschan, dann machten nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem die Intensivierung der Landwirtschaft und die Wilderei den Tieren fast den Garaus. Heute bekommen Touristen die vom Aussterben bedrohte Tierart lediglich im Schirvan Nationalpark noch in großer Zahl zu sehen. 2000 bis 3000 Exemplare springen dort noch durch die Steppe. Müller soll nun ein Artenschutzprojekt des Umweltministeriums zur Rettung der seltenen Gazellenart vorantreiben. Im kommenden Jahr sollen die Gazellen in zwei weiteren Regionen Aserbaidschans ausgesetzt werden, sagt Müller. Sein Wunsch: "Ich möchte, dass die Kropfgazelle wieder in ganz Aserbaidschan heimisch wird." (n-ost)