"Lügen, Lügen, Lügen", titelte gestern der "Daily Mirror", und vom rechten "Daily Telegraph" bis zum linken "Guardian" sah die Presse eine "Glaubwürdigkeitskrise" des Premierministers.
In teils großer Aufmachung berichteten die Blätter über Äußerungen des stellvertretenden US-Verteidigungsministers Paul Wolfowitz in einem Interview mit dem Hochglanzmagazin "Vanity Fair". Die Schlagzeile des "Independent": "Massenvernichtungswaffen nur bequeme Entschuldigung für den Krieg", gibt Wolfowitz zu. Der als "Falke" bekannte Politiker wurde mit den Worten zitiert: "Aus bürokratischen Gründen haben wir uns auf eine Sache konzentriert, die Massenvernichtungswaffen." Als wesentlichen Kriegsgrund, der so gut wie nie publik gemacht worden sei, nennt Wolfowitz den Umstand, dass die USA nach der Entmachtung von Saddam Hussein nun ihre Truppen aus Saudi-Arabien abziehen könnten. Damit verringere sich für die USA das Risiko von Terroranschlägen.

Veteran rügt Unwahrheit
"Der ganze Krieg war auf Unwahrheit gebaut, die britische Demokratie wird langfristig Schaden nehmen", sagte der Labour-Veteran Tony Benn. Linke Parteirebellen forderten, Blair müsse sich vor dem Parlament verantworten.
Hinzu kommen Berichte, wonach ein vor dem Krieg veröffentlichtes Dossier über die Gefährlichkeit Saddam Husseins von der Downing Street absichtlich dramatisiert worden ist. Gegen den Willen der Geheimdienste, auf deren Informationen der Bericht beruhte, habe Blair im Vorwort geschrieben, einige der irakischen Massenvernichtungswaffen könnten innerhalb von nur 45 Minuten einsatzbereit sein. Die oppositionellen Liberalen verlangten umgehend eine parlamentarische Untersuchung. Gestern spielte ein namentlich nicht genannter Staatssekretär den Ball zurück, indem er dem "Independent" sagte, falls tatsächlich keine Massenvernichtungswaffen gefunden werden sollten, wäre dies "das größte Versagen der britischen Geheimdienste überhaupt".
Ein sichtlich verärgerter Blair, der tags zuvor "wie ein Rocksänger gekleidet" (The Guardian) vor den britischen Soldaten im Irak aufgetreten war, bestritt gestern in Polen alle Vorwürfe als "völlig absurd". Er habe "keinen Zweifel" am Wahrheitsgehalt der von den Geheimdiensten vorgelegten Beweise.

Kriegsgegner triumphieren
Doch die Kriegsgegner in Großbritannien sehen sich nun bestätigt. Hatten sie doch immer schon gesagt, die Bedrohung für den Weltfrieden durch Saddam sei mit Vorbedacht übertrieben worden. Als Regierungschef dürfte Blair wegen des Krieges im Irak nicht in Gefahr sein, denn längst bestimmen Euro-Beitritt und EU-Verfassung die Diskussion auf der Insel - doch der Druck auf Blair nimmt wieder zu. Und so musste der Premier vor den Soldaten in Basra "Unstimmigkeiten" über die Gründe für den Krieg einräumen. Meinungsverschiedenheiten darüber, wie britische Soldaten im Irak gekämpft haben und nun dort den Frieden sichern, gebe es es jedoch nicht, betonte er. Die Mienen der Soldaten wirkten seltsam versteinert.