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| 01:29 Uhr

Vorsichtiger Kontakt und tiefes Misstrauen

Guben. . Die Auseinandersetzung um neue Tagebaue in der Lausitz wird in Kerkwitz, Gemeinde Schenkendöbern (Spree-Neiße), besonders hart geführt. Aktuelle Probleme zwingen Dorf und Bergbau jedoch zu Gesprächen. Von Simone Wendler

An Decke und Wänden des Saales im Gasthaus von Kerkwitz hängen Faschingsgirlanden. Nach Feiern ist in dem bis auf den letzten Stuhl gefüllten Raum aber niemandem zumute. Es geht um den Braunkohletagebau Jänschwalde, dessen Auswirkungen in Kerkwitz immer stärker zu spüren sind.

Nicht auf der Tagesordnung der Einwohnerversammlung, aber immer präsent ist dabei der beantragte Anschluss-Tagebau Jänschwalde-Nord, der für Kerkwitz, Atterwasch und Grabko die Umsiedlung bedeuten würde. “Wir werden keine Freunde werden, sie wollen uns ja die Heimat nehmen„, spricht Dieter Augustyniak aus, was viele denken.

Das Planverfahren für die neue Grube begann vor zwei Jahren. Seitdem war kein Vertreter des Bergbauunternehmens Vattenfall in Kerkwitz. Jetzt sitzt Professor Detlev Dähnert, Chef der Bergbauplanung bei Vattenfall, zusammen mit zwei Kollegen im Gasthaussaal. Ihr Vortrag zu Grundwassermessungen und -veränderungen rund um den Tagebau wird mit Schweigen und gelegentlichem leisem Murmeln quittiert.

Die Gemeinde Schenkendöbern steckt in einem Dilemma. Einerseits will sie den neuen Tagebau Jänschwalde-Nord um jeden Preis verhindern. Andererseits muss sie über die Auswirkungen der bestehenden Grube Jänschwalde verhandeln. Im Dezember wurde eine Dachvereinbarung unterschrieben, die dafür den Rahmen gesetzt hat. Auf dieser Grundlage kann jeder Ortsteil seine spezifischen Probleme mit Vattenfall klären.

Der Ortsbeirat von Kerkwitz hatte dafür bisher keinen Grund gesehen. Doch der Konflikt mit einer Bürgerinitiative im Ort und die Tatsache, dass der Absenk-trichter des Tagebaus Jänschwalde die Grenze von Kerkwitz erreicht hat, scheint ein Umdenken ausgelöst zu haben.

In 15 Jahren wird das Grundwasser unter dem gesamten Ort mehrere Meter tiefer liegen als heute. Eine mögliche Folge davon sind Risse an Gebäuden. Um solche Bergschäden später nachweisen zu können, ist in dem Grundlagenvertrag eine freiwillige Bestandsaufnahme der Gebäude auf Kosten von Vattenfall vereinbart worden. Die Kerkwitzer Bürgerinitiative kämpft schon lange dafür. Andere vermuten dahinter eine versteckte Umsiedlungsvorbereitung.

Auch an diesem Abend wird sofort danach gefragt. “Kann man das individuell beantragen, oder nur über den Ortsvorstand„, will eine Frau wissen. Detlev Dähnert verspricht: “Wer das will, bekommt es.„ Doch gleichzeitig bittet er den Ortsbeirat darum, einen gemeinsamen Rahmen mit der Auswahl eines Sachverständigenbüros und eines klar umrissenen Auftrages zu schaffen. Im benachbarten Taubendorf sei das auch gelungen. “Egal, wie sie entscheiden, schieben sie es bitte nicht auf die lange Bank„, bittet er. Denn seit fast zwei Jahren lägen Anträge von Kerkwitzern für diese Bestandaufnahme vor.

Ortsvorsteher Roland Lehmann will dazu erst eine Veranstaltung im Dorf Anfang Februar abwarten. Peter Immekus, Sachverständiger aus dem Rheinland, wird da über den Nachweis von Bergschäden sprechen. Immekus hat Klienten im gesamten Lausitzer Bergbaurevier und macht aus seiner Kritik an Vattenfall keinen Hehl: “Das ist das Schlimmste, was ich in Sachen Bergschädenregulierung je erlebt habe.„ Vom Bergbauunternehmen finanzierte Bestandsaufnahmen, so warnt er, könnten auch gegen die Eigentümer verwendet werden. Sein Besuch in Kerkwitz wird die gerade erst begonnenen Gespräche des Ortes mit Vattenfall nicht leichter machen.

Zum Thema:

Kampf gegen KohlebaggerAnfang Januar beteiligten sich 500 Menschen an einem Sternmarsch, um gegen die drohende Abbaggerung von Kerkwitz, Grabko und Atterwasch (Gemeinde Schenkendöbern) zu protestieren. Die Gegner neuer Tagebaue in der Region hoffen auf ein Scheitern der CCS-Technik und der damit verbundenen unterirdischen Kohlendioxidlagerung. Ohne CCS hat Braunkohleverstromung in Deutschland aus Klimaschutzgründen kaum eine Zukunft.

Im Gespräch: Peter Jeschke (CDU), Bürgermeister von Schenkendöbern, Detlev Dähnert, Chef Tagebauplanung bei Vattenfall, und Roland Lehmann, Ortsvorsteher von Kerkwitz. (v. l.) Foto: Wendler
Im Gespräch: Peter Jeschke (CDU), Bürgermeister von Schenkendöbern, Detlev Dähnert, Chef Tagebauplanung bei Vattenfall, und Roland Lehmann, Ortsvorsteher von Kerkwitz. (v. l.) Foto: Wendler FOTO: Wendler