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Vorhut der Bagger: Archäologen auf den Spuren der Geschichte

Ein Beil und Pfeilspitzen aus der Bronzezeit hat Mitarbeiter Dieter Zahn auf einem Gräberfeld am Fuße des Hornoer Berges freigelegt.
Ein Beil und Pfeilspitzen aus der Bronzezeit hat Mitarbeiter Dieter Zahn auf einem Gräberfeld am Fuße des Hornoer Berges freigelegt. FOTO: Foto: ZB
Vor den Kohlebaggern in der Lausitz kommen die Archäologen. Genauestens untersuchen sie die Flächen im Vorfeld der Braunkohlentagebaue nach Zeugnissen der Geschichte. Jährlich zerstört der Bergbau etwa 320 Hektar Lausitzer Kulturlandschaft. Von Peter Jähnel

Doch zugleich bietet sich dadurch für die Forscher die einzigartige Möglichkeit, durch Grabungen auf großen Flächen den unerforschten Geheimnissen der Geschichte auf die Spur zu kommen.

Nur ein Drittel untersucht
„In den drei Tagebauen Cottbus-Nord, Jänschwalde und Welzow-Süd sind pro Jahr etwa 50 Bodendenkmale vom Kohleabbau betroffen, aber wir können nur ein Drittel davon untersuchen“ , sagt Landesarchäologe Jürgen Kunow vom Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum in Wünsdorf (Potsdam-Mittelmark). Dort werden die Funde dokumentiert, restauriert und archiviert. Der Energiekonzern Vattenfall stellt für die Grabungen auf Basis des Brandenburgischen Denkmalschutzgesetzes von 2003 bis 2007 acht Millionen Euro bereit.
Auf der Hochfläche von Horno (Spree-Neiße) sind die Archäologen und ihre Helfer seit Jahren im Vorfeld des Tagebaus Jänschwalde beschäftigt. „Ein Schwerpunkt liegt hier auf Grabungen zu Siedlungen und Gräbern der Lausitzer Kultur aus der Bronzezeit vor etwa 3000 Jahren“ , berichtet der Grabungsleiter Horst Rößler. „Wir bemühen uns an diesem Ort um die systematische Erfassung eines Gebietes, das mehrere Jahrhunderte lang besiedelt war.“
Nach dem Entwerfen eines genauen Plans werden mithilfe eines Baggers große Grabungsschnitte angelegt, im Fachjargon „Sondagen“ genannt. Dann machen sich die Experten wie Horst Rößler, Roberto Piskorski und ihre Helfer ans Werk. Zentimeterweise legen sie vorsichtig Sandschichten frei und bergen jede Tonscherbe, jeden Knochensplitter und jedes Körnchen. An manchen heißen Tagen dieses Jahres schwitzten sie bei mehr als 50 Grad flimmernder Hitze.
„Bisher haben wir mehrere 4000 Jahre alte Grabfunde aus der frühen Bronzezeit entdeckt, darunter Pfeilspitzen und Dolche aus Feuersteinen sowie Schmuckperlen aus Keramik“ , erzählt Piskorski. Die Toten wurden damals in Holzkammer-Gräbern bestattet und diese dann angezündet, wie die Forschungen ergaben.
Spannend bleibt die Frage, ob das Dorf Horno, dessen Bewohner vor den Kohlebaggern gerade nach Forst-Eulo umsiedeln, zuerst von Slawen oder von Germanen besiedelt war. Bereits Mitte der 90er Jahre gruben Archäologen südlich vom Hornoer Berg beim Bau einer Umgehungsstraße die Reste einer germanischen Siedlung aus. Die Forscher fanden heraus, dass deren Hausgrundrisse sechs mal 15 Meter betrugen. Für eine slawische Besiedelung fehlte bisher ein Beweis.
Als kleine Sensation wertet Rößler deshalb ein vor kurzem geborgenes Keramikgefäß mit einer slawischen Wellenkammverzierung, das nur wenige hundert Meter von Horno entfernt im Tagebauvorfeld entdeckt wurde. „Das ist der erste Hinweis auf eine spätslawische Besiedlung von Horno im frühen Mittelalter, also im 12. Jahrhundert“ , meint der Archäologe, und die Freude über den Erfolg ist ihm anzusehen. Der Fundplatz wird nun näher untersucht. Viel Zeit bleibt nicht, denn im Herbst erreichen die Kohlebagger das Grabungsfeld.

Ältester Fund 12 000 Jahre alt
Die ersten Ausgrabungen im Niederlausitzer Revier gehen bis in die 30er-Jahre des 20. Jahrhunderts zurück. Anfang der 90er-Jahre fanden die Archäologen im Vorfeld des Tagebaus Welzow-Süd bei Wolkenberg Reste einer germanischen Verhüttungszentrale. In den mehr als 1500 Öfen wurde damals Raseneisenerz geschmolzen.
Der älteste Fund im Tagebauvorfeld sind 12 000 Jahre alte Speerspitzen aus der Eiszeit, die im Tagebau Jänschwalde aus dem Boden geholt wurden. Sie sind wie viele andere Exponate in der Dauerausstellung der Slawenburg Raddusch (Oberspreewald-Lausitz) zu sehen, die seit Ende Mai geöffnet hat.