Die drei ausgebauten und kriegsbedingt in die Sowjetunion gebrachten mittelalterlichen Kirchenfenster waren von Russland nach mehrjährigen zähen Verhandlungen vor drei Jahren an Deutschland zurückgegeben worden. Am Samstag wurde das erste, fast zwölf Meter hohe Fenster am alten Platz enthüllt.
Zentimeterweise ließen die Gemeindemitglieder Franz Zecha und Anika Sellke den Vorhang bedächtig fallen. Spontan erhoben sich die rund 500 Gäste von ihren Plätzen. Trotz des Glockenklangs schien Stille in der fünfschiffigen Kirche, die zu den größten Hallenkirchen norddeutscher Backsteingotik zählt, spürbar. Eigens für die Fenster war das Gewölbe in das 1945 zerstörte Gotteshaus eingezogen worden. Seit DDR-Zeiten wird die Kirche, deren Ruine seinerzeit auf Abriss stand und von den damaligen Stadtvätern davor bewahrt worden war, saniert.
Als nun auch die letzte der 39 Glastafeln sichtbar wurde, applaudierten die Besucher. Unter ihnen nicht wenige, die nur wegen des Festes von weither an die Oder kamen. "Es ist ein erhabenes Gefühl", sagte Jochen Stern.
Der in der Oderstadt geborene Schauspieler wurde 1928 in der Kirche getauft sowie konfirmiert. "Ich habe die Zerstörung gesehen und jetzt diese wunderbaren Bibel-Fenster", erklärte er. Nach der Wende kam der Alt-Frankfurter zurück; jetzt pendelt er zwischen der Oderstadt und Bonn am Rhein. Dieser Tag sei von besonderer Bedeutung für ihn.
Auch der betagte Benediktiner-Abt Emmanuel Jungclaussen hat bei dieser Hitze den weiten Weg in seine Heimat nicht gescheut. Der Abt war derjenige, der dem russischen Präsidenten Wladimir Putin den entscheidenden Tipp über die in Russland versteckten Kirchenfester gegeben hatte.
Als er in Russland eine im Krieg geraubte wertvolle Ikone übergeben sollte, erhielt er auf dem Weg dorthin den Hinweis, er solle dabei einen Satz zu den Bleiglasfenstern von St. Marien sagen. "Das habe ich gemacht. Putin hat genickt. Zwei Jahre später waren die Fenster hier", meinte er bescheiden. "Heute empfinde ich tiefe Freude und Dankbarkeit."
Auch Jungclaussen ist in dieser Kirche getauft, konvertierte später zum katholischen Glauben und lebt jetzt in Bayern. Mit Frankfurts ehemaligem Oberbürgermeister Wolfgang Pohl (SPD), der unermüdlich Briefe nach Russland schrieb, trug er sich nach dem Festakt in das Goldene Buch der Stadt ein. "Für Frankfurt (Oder) ist das heute ein ganz großer Tag", meinte Gesine Schwan, Präsidentin der Europa-Universität Viadrina, auf dem Weg zum Fest, das die Studenten der Stadt bescherten.