Hier veranstaltet Rainer Brüderle in Sitzungswochen immer mittwochs sein Pressehintergrundgespräch, eine meist launige Veranstaltung. Diesmal aber wird Raum 6556 Schauplatz eines Zimmertheaters mit 70 Zuschauern und zwei Hauptdarstellern.

Gegeben wird die Groteske: "Unheimliche Begegnung der Berliner Art oder: Is was?" Der Politikbetrieb in Berlin ist gespalten, auch die Journalisten. Nächste Woche will die Bundespressekonferenz mit ihren Mitgliedern intern über den Fall Brüderle diskutieren. Einige Korrespondenten finden, dass der "Stern" mit seinen Sexismus-Vorwürfen gegen den FDP-Fraktionschef eine Grenze überschritten hat und die Berichterstattung für alle erschwert. Andere meinen, dass Brüderle eine Grenze überschritten hat und es Zeit war, das mal anzuprangern. Aber alle sind neugierig.

Die 50 Quadratmeter sind brechend voll, eine Wand aus Kameras baut sich vor der Tür auf. Bis zuletzt ist unklar, ob Brüderle kneift, erst kurzfristig wird zu der Veranstaltung eingeladen. Auch Laura Himmelreich, die junge Autorin des "Stern"-Artikels, kneift nicht. Sie kommt früh, begleitet von zwei weiteren Stern-Redakteuren, die sich wie Bodyguards um sie herum platzieren, in der äußersten Ecke.

Himmelreich sagt nichts in die Kameras. Auch Brüderle nicht. Der 67-Jährige begrüßt anders als sonst diesmal nicht alle Anwesenden mit Handschlag. Also auch nicht Himmelreich. Er schaut konzentriert auf seinen Platz an der Spitze des Tisches, als er durch den Raum schreitet. Er meidet jeden Blick in die Ecke, in der die Journalistin sitzt, zu der er vor einem Jahr in einer Bar gesagt haben soll: "Sie können ein Dirndl auch ausfüllen". Die Zeit sei knapp, sagt die Sprecherin, gleich beginne die Gedenkstunde. Brüderle, etwas grau im Gesicht, sagt, er wisse, dass die meisten "wegen eines bestimmten Themas" hier seien, aber er bitte um Verständnis, dass er sich so wie bisher dazu nicht äußern werde.

Und dann referiert er über Mali, Zypern, Geldwertstabilität, Mursi, Wehrbericht, Strompreise, Rente, Koalitionsausschuss, Haushalt und EZB. So lange und so sachlich hat man Brüderle in dieser Runde noch nie reden hören. Laura Himmelreich blickt ihn konzentriert an, ohne dass er zurückblickt. Sie schreibt kaum etwas mit. Auch die meisten anderen Journalisten lassen bald die Blöcke sinken.

Einige ernten böse Blicke von ihren Kollegen, als sie Nachfragen haben, statt endlich auf das eigentliche Thema zu kommen, die Affäre, den Skandal. Als es dann doch ein, zwei zaghafte Versuche gibt, blockt Brüderle sofort ab. Frau Himmelreich sitze hier im Raum, ob er das registriert habe, wird er ganz am Ende gefragt. Brüderle nickt immerhin.

Er werde seit einer Woche öffentlich des Sexismus beschuldigt, ob er sich nicht hier und jetzt erklären wolle. Entweder Entschuldigung oder Klarstellung? "Ich habe eingangs gesagt, dass ich dazu nichts sage. Ich bitte um Verständnis."

Dann ist der Termin um. Die Journalisten zögern noch, Raum 6556 zu verlassen, auch Laura Himmelreich. Diese Aufführung muss noch eine Pointe haben. Hat sie aber nicht. Brüderle bleibt sitzen, bis alle raus sind und die Kameras kein Bild mehr bekommen können, das sie und ihn zeigt. Und drüben im Reichstag beginnt die Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus.