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| 02:44 Uhr

Vor 75 Jahren marschierte Hitler in Prag ein

1938 wurde in München das Abkommen über die Abtretung des Sudetenlandes an das Deutsche Reich unterzeichnet. Im März 1939 holte Hitler zum Todesstoß gegen die Tschechoslowakei aus.
1938 wurde in München das Abkommen über die Abtretung des Sudetenlandes an das Deutsche Reich unterzeichnet. Im März 1939 holte Hitler zum Todesstoß gegen die Tschechoslowakei aus. FOTO: dpa
Prag. Die Politik des Nachgebens gegenüber Nazi-Deutschland stand im März 1939 vor einem Scherbenhaufen: Hitler ignorierte alle Abkommen und befahl den Einmarsch in die Tschechoslowakei. Michael Heitmann

Im März 1939 holte Adolf Hitler zum Todesstoß gegen die Tschechoslowakei aus. Als deren Staatspräsident Emil Hacha eilig nach Berlin reiste, hatte die Wehrmacht in Ostrau (Ostrava) bereits die Grenze des Vielvölkerstaats überschritten. Hacha schien noch auf eine Einigung mit dem Diktator zu hoffen. Doch was folgte, war ein stundenlanger Psychoterror. Prag werde innerhalb von zwei Stunden in Schutt und Asche liegen, drohte Luftwaffenchef Hermann Göring. Hacha sollte Weisung geben, dem deutschen Einmarsch keinen Widerstand zu leisten. Es war Erpressung. Hacha hielt dem Druck nicht stand, erlitt einen Schwächeanfall. Gegen vier Uhr am Morgen des 15. März 1939 unterzeichnete er die Unterwerfungserklärung. Darin hieß es, er werde "das Schicksal des tschechischen Volkes und Landes vertrauensvoll in die Hände des Führers des Deutschen Reiches" legen. Wenige Stunden später marschierte die Wehrmacht in Prag ein. Dabei hatten die westlichen Großmächte noch im September 1938 im Münchner Abkommen die Grenzen der um das Sudetenland amputierten Tschechoslowakei garantiert. "Der verbale Protest war alles, was die westlichen Großmächte getan haben, und mehr hätten sie auch nicht unternehmen können", sagt Oldrich Tuma, Direktor des tschechischen Instituts für Zeitgeschichte. Militärisch wäre der übrig gebliebene Teil nicht zu verteidigen gewesen.

Am Vortag, dem 14. März 1939, hatte die Slowakei ihre Unabhängigkeit erklärt - unter sanftem Druck Berlins auf deren Ministerpräsidenten, den katholischen Priester Jozef Tiso. Im östlichsten Landesteil, der Karpatenukraine, fiel Ungarn ein. Propagandaminister Joseph Goebbels verlas im Rundfunk Hitlers Proklamation: "Die Tschecho-Slowakei hat damit aufgehört zu existieren." Hitler reiste nach Prag. Statt der Flagge des tschechoslowakischen Präsidenten mit dem Motto "Die Wahrheit siegt" wehte die Führerstandarte über der Prager Burg.

Schnell verleibte sich das Deutsche Reich die böhmischen Waffenfabriken ein, die in der NS-Propaganda noch als "Flugzeugmutterschiff der Sowjetunion" beschimpft worden waren. Die Schicksalsfahrt von Präsident Hacha nach Berlin wird in Tschechien bis heute kontrovers diskutiert. Vor allem die kommunistische Geschichtsschreibung habe ihn als Kollaborateur und Verräter verurteilt, sagt der Historiker Tuma. Andere würden Mitleid empfinden und glauben, dass er Schlimmeres verhindert habe. "Inzwischen setzt sich die Beschreibung von Hacha als einer furchtbar unglücklichen Figur durch, eines Menschen, der getan hat, was er konnte, aber in einer aussichtslosen Lage war", sagt Tuma. Der Einmarsch in Prag markierte das Ende der Politik der Zugeständnisse an Hitler. Seine Erklärung, er habe keine weiteren territorialen Ansprüche, war als Lüge enttarnt, Großbritannien und Frankreich gaben am 31. März 1939 eine Garantieerklärung für Polen ab, das dennoch zum nächsten Opfer deutscher Aggressionspolitik werden sollte.