Im milden Abendlicht vor Einbruch der Dunkelheit ist gut zu sehen, worum es Marcus Schilka geht. Auf einer Koppel bei Guhrow im Spreewald stehen braune Mutterkühe mit zahlreichen Kälbern. Die staksig herumspringenden Jungtiere sind nur wenige Wochen alt. Bei einem Wolfsangriff hätten sie keine Überlebenschance.

Schilka ist 34 Jahre alt, Bio-Bauer und hängt mit Herz und Seele an seinen Tieren. "Da steckt monatelange Arbeit drin und ich freue mich bei jeder Kuh und jedem Kalb, wenn sie gesund sind." Sein Vater Christoph beklagt: "Wir dürfen unsere friedlichen Tiere nicht verteidigen." Deshalb sei die Wolfswache in ihrer Koppel bei Guhrow nicht nur eine Demonstration, sondern auch Zeichen der Ohnmacht.

Seit Januar machen gerade Biobauern wie die Schilkas ihrem Unmut über die Zunahme der Wölfe in Brandenburg Luft. Sie halten Rinder ganzjährig im Freien und beobachten immer mehr, wie die Wölfe ihre Herden beunruhigen und bedrohen. Im Februar hatte ein Landewirt in Leibsch im Unterspreewald mit einer Wildkamera einen Wolf beobachtet, der direkt am Zaunpfosten neben seiner Mutterkuhherde vorbei schlich. Über soziale Netzwerke rief er zu einer nächtlichen Wolfswache auf und über 100 Landwirte und Dorfbewohner aus der Region kamen.

In der Nacht vom vorigen Freitag zum Samstag gab es zehn solche symbolischen Wachen in ganz Brandenburg. Bauernbund und Bauernverband in Brandenburg, die sonst nicht immer am gleichen Strang ziehen, und das Forum Natur Brandenburg hatten dazu eingeladen. Die Weidetierhalter wollen damit ihre Position im Vorfeld eines vom Landwirtschafts- und Umweltministerium vorbereiteten Wolfsplenums am 26. April in Potsdam deutlich machen. Minister Jörg Vogelsänger (SPD) spürt offenbar, dass es bei den Bauern in der Wolfsfrage gärt. Er und seine Staatssekretärin besuchten zwei der Protestfeuer. Vor wenigen Tagen hatte auch Vogelsänger beklagt, "dass die Situation sich immer weiter zuspitzt" und die Kosten für Vorbeugung und Entschädigung drohten, "aus dem Ruder zu laufen".

Bei Schilkas Mutterkühnen in Guhrow sieht die Wolfswache auf den ersten Blick aus, wie ein vorgezogener sommerlicher Grillabend auf dem Land. Es gibt Würstchen und Flaschenbier. Um ein Lagerfeuer, das nach Sonnenuntergang lodert, liegen Strohballen als Sitzgelegenheit. Doch die gemütliche Stimmung täuscht. Den rund 35 versammelten Landwirten ist es ernst. 21 Wolfsrudel mit rund 200 Tieren, die laut Ministerium ständig die Mark durchstreifen, sind aus ihrer Sicht zu viel. Fast alle leben in der Südhälfte des Landes.

"Wenn Wölfe sich auf weniger als eintausend Metern einem Dorf nähern, muss geschossen werden dürfen", fordert Marcus Schilka. Würden die Wölfe sich weiter ungehindert ausbreiten, wäre das das Ende der Weidetierhaltung. Der wirtschaftliche Druck auf den Betrieben sei ohnehin schon groß. Aufwendige Schutzmaßnahmen durch Spezialzäune seien für die vielen Weideflächen nicht zu bezahlen. "Außerdem würde das eine Landschaft wie den Spreewald völlig zerstückeln", so Schilka. Die Anzahl der Wölfe müsse deshalb begrenzt werden. Schließlich sei die Art angesichts der Zuwachszahlen nicht mehr gefährdet.

Das sieht auch Bernd Henning so, Tierarzt und Nebenerwerbslandwirt mit Mutterkühen aus Lieberose. Gleich neben seinem Hof liegt der ehemalige Truppenübungsplatz, ein Wolfsrevier. "Wir wollen uns ja mit dem Wolf arrangieren", versichert er, aber die "Wolfsschützer" seien Ideologen. Mit denen könne man nicht reden.

Auch Christian Böttcher, Landwirtschaftsberater und Nebenerwerbsbauer aus der Nähe von Luckenwalde will die Ausbreitung der Wölfe nicht mehr hinnehmen. "Früher habe ich das nicht so ernst genommen", sagt er. Doch immer häufiger seien seine Mutterkühe nachts in Alarmstimmung, weil die Räuber offenbar in der Nähe sind. Die Herde bringe dann die Kälber in ihrer Mitte in Sicherheit, Tiere ohne Nachwuchs stürmten zur Verteidigung an den Koppelzaun: "Die Kühe brüllen dann das ganze Dorf wach."

Die Wolfsexperten versuchten, Zwischenfälle herunter zu spielen, beklagt er: "Die Bauern fühlen sich da nicht ernst genommen." Und die Entschädigungspraxis sei viel zu kompliziert und dem wirklichen Verlust nicht angemessen. Es sind gerade die Bio-Landwirte, die eine naturnahe, artgerechte Haltung im Freiland praktizieren, deren Tiere nicht durch einen Stall vor Wölfen geschützt werden. In Brandenburg würden sie jedoch durch entsprechende Vorschriften gezwungen, Weidetiere zu halten, wenn sie die Ökoprämie erhalten wollen, erklärt Carlo Horn aus Kagel bei Fürstenwalde, östlich von Berlin. Er ist Berater für Bio-Landwirtschaftsbetriebe und mit Marcus Schilka befreundet, deshalb sitzt er in dieser Nacht mit in Guhrow am Lagerfeuer.

Carlo Horn züchtet Spitzenrinder, Bullen die auf Auktionen fünfstellige Preise erzielten. "Wenn da ein Kalb getötet wird, ist der Verlust riesig." Die Fohlen seiner Pferdezucht halte er nur noch in Grundstücksnähe. Horn ist Bauer in Familientradition und einer der als Mitglied bei Naturland e.V. bewusst auf Öko-Landwirtschaft setzt. Als Berater kommt Horn in ganz Deutschland herum. Am Umgang Brandenburgs mit seinen Öko-Bauern übt er ohnehin Kritik. Da sei kein Plan erkennbar, um die Chance des Berliner Marktes vor der Haustür wirklich zu nutzen. Und nun auch noch das Wolfsproblem. Früher habe auch er das eher auf die leichte Schulter genommen, aber inzwischen sei er es leid. Dafür fährt er nach einer anstrengenden Arbeitswoche in dieser Nacht 200 Kilometer.