Bis heute sind in Stettin Spuren des Zweiten Weltkriegs zu sehen. Viele Häuserlücken. Während sich etwa Breslau längst wieder in altem Glanz zeigte, führte das links der Oder liegende Stettin in Polen lange Jahre ein Schattendasein. Investiert wurde wenig in die Stadt - bis man sie mit dem Grenzvertrag von 1990 endgültig als polnisch anerkannt sah.

Guten Jahren der Werftindustrie in den 90ern folgte der allmähliche Niedergang. Das endgültige Aus 2009 traf wie ein Hammer. An die 30 000 mit der Werft verbundene Arbeitsplätze gingen insgesamt verloren.

Kunstzentrum mit Premiere

"Eine krasse Transformation" nennt es der Direktor des Zen-trums für zeitgenössische Kunst "Trafo", Mikolaj Sekutowicz, was die Einwohner seit Ende des Zweiten Weltkriegs bis heute erleben. Aus einer Matrosenstadt werde immer mehr eine Dienstleistungs- und Kulturstadt, erklärt er. Das von ihm geleitete Kunstzentrum ist ein Teil der Verwandlung. Die Stadt restaurierte für umgerechnet rund 4,5 Millionen Euro eine marode ehemalige Transformatorenstation und schrieb dann das Projekt aus. Es ist bisher einmalig in Polen, dass eine öffentliche Kultureinrichtung durch einen privaten Betreiber geführt wird - in diesem Fall von Sekutowiczs Firma Baltic Contemporary.

Mit großer, hoher Haupthalle und kleineren Nebenräumen eignet sie sich für unterschiedlichste Ausstellungen und Konzerte. Auch Bar, kleines Café und Buchlädchen gehören dazu. Sekutowicz möchte mit Projekten sowohl die Stettiner an zeitgenössische Kunst heranführen als auch Profis von der "Trafo" überzeugen. Die Zukunft der Stadt ist für ihn mit Kultur verbunden. Wichtig sei die Vernetzung von Angeboten, betont er und verweist auf weitere "Leuchttürme" der Stadt.

Einer ist im wahrsten Sinne des Wortes die neue Philharmonie, deren weiße Außenhaut variabel beleuchtet werden kann. Sie wurde 2015 mit dem Mies-van-der-Rohe-Architekturpreis ausgezeichnet.

Das breit gefächerte Programm kann sich sehen lassen. Freitags laden Sinfoniekonzerte ein. Oft begrüßt Direktorin Dorota Serwa die Gäste im Foyer persönlich. So erfährt sie, was gefällt und was nicht, sagt sie. Frauenpower ist im Haus angesagt: Mit Ewa Strusinska gibt es auch eine Chefdirigentin - das ist in Europa ziemlich selten!

Zu Konzerten kämen im Schnitt an die 60 deutsche Besucher, lässt das Haus wissen. Die Programme werden auch in Deutsch gedruckt.

Umbrüche im Museum

Der Philharmonie direkt gegenüber hat gerade das "Dialogzentrum Umbruch" seine Pforten geöffnet. Auch ein Leuchtturm. Hier wird die Geschichte der Stadt nach 1945 erzählt. Beginnend mit dem fast vollständigen Austausch der Bevölkerung. Denn zeitgleich mit der Vertreibung der Deutschen kamen Polen aus dem Osten. Auch die Streiks Anfang der 80er-Jahre, die Solidarnosc-Bewegung sowie Aufstieg und Fall der Werftindustrie sind Themen.

Sie werden mit Originaldokumenten und Exponaten illustriert. Polnisch, deutsch und englisch beschriftet - wie die Flyer und Websites der meisten Kulturstätten der 400 000-Einwohner-Stadt. Auch die des Schlosses der Pommerschen Herzöge.

Ein Kulturschloss

Selbst prächtiges Wahrzeichen, beherbergt es einen Leuchtturm - die Oper. Die einzige polnische Schlossoper wurde in den vergangenen vier Jahren aufwendig modernisiert und renoviert. Wie auch weitere Bereiche des Schlosses, das außerdem für zwei Theater, Ausstellungen und Openair-Veranstaltungsorte Heimstatt ist.

Das Schloss ist eine der 42 Sehenswürdigkeiten an der städtischen Touristenroute. Besucher können ihr auf einer roten Linie quer durch die Stadt folgen. Nummern kennzeichnen Sehenswürdigkeiten, über die es vor Ort Informationstafeln gibt. Allein die rote Linie abzulaufen dauert nach Angaben der Touristinformation etwa fünf Stunden. Daneben gibt es noch eine goldene und eine blaue mit Highlights.

Zukunftsvisionen am Wasser

Auf jeden Fall sollte man von der Hakenterrasse, auf Polnisch Waly Chrobrego, mit ihren vielen historischen Bauten einen Blick hinunter zur Oder werfen. Denn mitten im Fluss liegt ein Stück Zukunft. Die Inseln Grodzka und Lastownia, auf der früher ein Schlachthof stand, werden Schritt für Schritt umgestaltet. Seit Kurzem können auf der Insel Grodzka 80 Boote an einer Marina ankern. Der neue Segelhafen vervollkommnet die Westpommersche Segelroute mit 35 Marinas und Anlegern. Die Stettiner hoffen, dass künftig vor allem viele Berliner recht oft mit ihren Booten in ihre Stadt schippern und im Zentrum ankern. Zudem ist die Anlage Teil des Stadtplanungskonzeptes "Floating Garden 2050" - eine umweltfreundliche Vision der Stadt, die zum großen Teil an Odergewässern und dem 56 Quadratkilometer großen Dammschen See liegt. Gärten sollen jedenfalls künftig auch auf der Insel Grodzka blühen - inmitten der Oder.

Zwei Wünsche, die ins Konzept passen, haben sich die Stettiner bereits erfüllt. Als sich 2014 ein Überschuss in der Stadtkasse fand, durften sie sich etwas wünschen. Sie entschieden sich für eine Oder-Promenade und Leihfahrrad-Stationen.

Zum Thema:
Stettin ist die Hauptstadt der Woiwodschaft Westpommern und liegt 120 Kilometer nordöstlich von Berlin an der Odermündung zum Stettiner Haff. Züge von Berlin aus verkehren mehrmals täglich. Für Gruppen lohnt sich ein Berlin-Brandenburg-Ticket. Von Cottbus aus fährt man mit dem Auto etwa zwischen 3,5 und vier Stunden. Mehr über Stettin auf www.szczecin.eu/de