An den Tag der deutschen Einheit dagegen kann ich mich nicht mehr sonderlich erinnern. Ja, ich weiß nicht einmal mehr genau, wo ich am 3. Oktober 1990 war. Wahrscheinlich in Cottbus, wo ich mit meiner Familie damals seit sechs Jahren wohnte. Gleichwohl hat dieser Tag mein Leben natürlich fundamental verändert, so wie für 16 Millionen andere DDR-Bürger. Nicht nur wegen des neuen Reisepasses mit dem Bundesadler; der blaue mit Hammer und Zirkel war endgültig Geschichte. Sondern überhaupt wegen der völlig neuen Perspektiven.

Die Welt war auf einmal viel größer geworden - und damit auch die Chance für eine berufliche Laufbahn, von der ich vorher nicht einmal geträumt hätte. Dabei hat ausgerechnet der Saarländer Erich Honecker einen gewissen Anteil daran, dass ich heute unter anderem auch für die "Saarbrücker Zeitung" schreibe. In Honeckers späten DDR-Herrschaftsjahren kamen Ost-West-Partnerstädte in Mode. Verbandelt wurden auch Cottbus und Saarbrücken. So ist es zu erklären, dass die "SZ" später die in Cottbus beheimatete "LAUSITZER RUNDSCHAU" erwarb, bei der ich arbeitete.

Es waren wilde Zeiten. Zum Beispiel, als unsere Belegschaft ihren Chefredakteur selbst wählte. Als das Alte weg war und das Neue noch nicht so richtig da. Als die Schere aus dem Kopf verschwand und Zeitungs-Journalismus begann, seinen Namen auch wirklich zu verdienen. Später konnte ich ins Bonner Korrespondentenbüro wechseln. Eine große Herausforderung, eine tolle Erfahrung. Auch deshalb, weil man im Bonner Regierungsviertel anfangs ein Exot war. Viel mehr als eine Handvoll Journalisten aus der ehemaligen DDR gab es dort nämlich nicht. Fast ausnahmslos alle West-Kollegen begegneten mir mit großer Aufgeschlossenheit. Und so lernte ich schnell, wie der Bundestag funktionierte, welchen "Italiener" Helmut Kohl bevorzugte, und warum die Miete für mein 35-Quadratmeter-Appartment mit Blick auf den Petersberg um ein Drittel höher lag als für meine 64 Quadratmeter im Cottbuser Plattenbau. Bonn war nicht nur landschaftlich schön, sondern in meinem Empfinden auch steinreich. Kein Wunder, dass die alt eingesessenen Kollegen von dort nicht weg wollten. Obgleich die politische Entscheidung zugunsten Berlins längst gefallen war, standen viele damit auch noch Jahre danach auf Kriegsfuß.

Ich dagegen hatte Bonn als das gesehen, was es in politischen Sonntagreden immer war, ein hauptstädtisches Provisorium. Heute in Berlin fragt keiner mehr nach der geographischen Herkunft. Im Journalismus hat es sich längst gemischt. Und nicht nur dort. Meine Tochter zum Beispiel weiß mit den Ossi-Wessi-Schubladen nichts anzufangen. Sie ist inzwischen 31, wurde noch im "tiefsten Osten" (Cottbus) eingeschult, ging im "westlichsten Westen" (Bonn) ins Gymnasium und machte schließlich in Berlin das Abitur. Einer kürzlich veröffentlichten Umfrage zufolge definieren jüngere Leute die Unterschiede eher durch Dialekt und persönliche Sozialisation. Kurzum, die Einheit wächst sich aus. Was könnte man Besseres darüber sagen?