„Wenn ich nicht tun würde, was ich tue, würde es mich bald nicht mehr geben.“
 Hans-Georg Wagner


Seine Arbeit. Malen, Bildhauern, Möbelkunstwerke schaffen, Boote bauen, die dann wieder, im Wasser, zu eigenen Choreografien tanzend, Kunst werden. Gerade ist Hans-Georg Wagner 44 geworden. „Skorpion, sicher nicht immer der einfachste Mensch im Zusammenleben.“ Seine Hände sind von der Arbeit mit dem Holz gezeichnet, die Augen vom Nachdenken und Suchen nach verborgenen Wahrheiten.
Den Sinn fürs Musische haben ihm Vater und Mutter mitgegeben, das Handwerkliche eignete er sich nach der Schule in einer Tischlerlehre an. „Bei Siegfried Bialas, dem ich noch heute dankbar bin für die sehr, sehr schöne Zeit. Er hat seinen Beruf geliebt und das Material - und konnte seine Begeisterung mitteilen.“

Familie ist ihm wichtig
Schon während dieser Ausbildung nahm Wagner Zeichenunterricht beim Cottbuser Maler Gerhard Knabe. „Wir sind seitdem immer verbunden gewesen.“ Wagner war es dann auch, der vor einem Jahr am Grab des Künstlers die Totenrede hielt.
Doch zurück in die Jugend. Wagner wollte studieren, dennoch nur eineinhalb Jahre zur Armee gehen. „Eigentlich hieß es in der DDR, vor einem Studium müsse man drei Jahre dienen, aber ich kam durch mit meinem Wunsch.“ Er wurde in einer Tischlerwerkstatt eingesetzt, konnte und musste plötzlich eigenständig und mit einfachsten Hilfsmitteln arbeiten. „Davon zehre ich noch heute“ , sagt er lächelnd, „von dem Wissen, das Phantasie wichtiger ist als ein toller Maschinenpark.“
Nach der Armee bewarb er sich um einen Studienplatz für Holzgestaltung in Schneeberg. „Vier Plätze gab es pro Jahr, und auf jeden Platz 160 Bewerber.“
Warum ausgerechnet er damals gleich im ersten Anlauf angenommen wurde? Wagner versucht, das Wort „Glück“ als Erklärung in den Raum zu stellen, auch seine ungewöhnlichen, indianisch inspirierten Arbeiten haben wohl gefallen. Letztlich aber habe er sich vielleicht gar nicht wirklich aussuchen können, was sein Weg sein würde. „Für manche Dinge ist man geboren. Wenn man Talent hat, eine besondere Fähigkeit, muss man damit umgehen.“ Und so ist er seit 1986 frei schaffender Künstler. Kennt Segen und Fluch dieser manchmal einsamen Arbeit, kennt finanzielle Nöte, Enttäuschungen und weiß bei allem sehr genau: „Wenn ich nicht tun würde, was ich tue, würde es mich bald nicht mehr geben.“ Seinem Namen übrigens macht er alle Ehre: „Wagner, das waren früher Leute, die Fuhrwerke und Räder bauen mussten. Leute also, die Holz gespalten haben.“
Eine Frau hat der Bildhauer und zwei erwachsene Söhne. Vorsichtig ist er, wenn es um die Familie geht, will ihre Privatsphäre schützen und schiebt dann doch nach: „Ohne meine Frau, die mir über diese ganze lange Zeit versucht hat , den Rücken frei zu halten und die sich einen kritischen Blick auf mein Tun bewahrt hat, und ohne die Freude an den Söhnen, wäre das alles so wohl nicht gegangen. Meine Leute haben es aber nicht nötig, sozusagen mitgelobt zu werden. Sie gehen ihren eigenen Weg und leisten da Eigenes, das gewiss genauso zu bestaunen ist.“
Bestaunen ließen sich viele Werke Wagners in Ausstellungen und bei öffentlich ausgestellten Torsi in Cottbus, dem Spreewald und Potsdam. „Seltene Lottogewinne“ nennt der Künstler solche großen Aufträge und sein Blick fällt dabei auf eine kleine Figur in seinem Galerie-Atelier. Eine „Heilige Barbara“ , die er - vergeblich - für einen Wettbewerb von Vattenfall eingereicht hat. Immer wieder stößt man auf Heilige, auf Kreuzigungsszenen und Madonnenbilder. Vor Jahren kam Hans-Georg Wagner durch Zufall an alte Kiefernstämme, die Archäologen am Cottbuser Altmarkt freigelegt hatten. Das Holz stammt aus den Jahren 1265/66. Entstanden ist daraus seine „Cottbuser Madonna“ und eine Gruppe, die er „Vorfahren“ nennt. Künstlerisch bezieht sich Wagner auf große Vorbilder. Käthe Kollwitz etwa oder Alberto Giacometti mit seinen dünnen und überlangen Figuren. Was er auszudrücken sucht, sind stets die Grundthemen des Lebens, verborgen unter der Oberfläche und sichtbar nur an ihren Rissen, Verletzungen und Spaltungen. „Es geht darum, zu akzeptieren, dass der Grundrhythmus des Lebens eben nicht durch Harmonie angetrieben wird, sondern durch Gegensätze.“ Und, angesprochen auf seine oft christlichen Motive: „Ich denke, den Ort, den Gläubige Gott nennen, den kenne ich. Jeder, der nachgräbt, unter die Oberfläche geht, kennt ihn. Ob man ihn nun Einsicht, Gott oder Erleuchtung nennt.“
Wem diese philosophische Sinnsuche zu erdfern wirkt, der kann sich dem Künstler auch anders nähern: Über seine skulpturalen Möbelstücke etwa, die er jeweils als Unikat anfertigt. „Wobei ich mir immer das Ziel setze, mit meinen Möbeln einen Raum größer wirken zu lassen als er ist. Eine spannende Herausforderung.“ Mit Ergebnissen, die ihn oft ebenso überraschen wie die seines wohl exotischsten Arbeitsfeldes: dem Bootsbau.

Träume eines Fünfjährigen
„Schon als Fünfjähriger habe ich davon geträumt, Kanus zu bauen.“ Nach indianischem Vorbild mit hiesigen Materialien baut Wagner Kanadier, die in ihrer funktionalen Schönheit bestechen. „Und wunderbare Fahreigenschaften haben“ , sagt der Erbauer stolz.
Mit diesen Booten und den Choreografien für „Tänze auf dem Wasser“ hat sich der Holz-Künstler einen neuen Grenzbereich erschlossen. „Man muss sehen“ , sagt er, „was die Zukunft bringt. Wie viel Öffnung noch möglich ist, wie viele Experimente.“ Klar ist, dass er bei seinem Beruf bleiben wird, ,trotz aller Schwierigkeiten. „Denn vielleicht kann ich nicht immer von meiner Arbeit leben. Aber ich kann mit meiner Arbeit leben. Und darum geht es doch.“