Wenn am 24. Mai der Deutsche Evangelische Kirchentag eröffnet wird und den Teilnehmern freudig-stressige Tage bevorstehen, können sich die Kerkwitzer entspannt zurücklehnen - es sei denn, sie sind auch vor Ort in Wittenberg und Berlin. Denn die Lausitzer aus dem kleinen Dorf in der Gubener Region haben dann bereits ihren eigenen, kleinen Kirchentag gefeiert. Dieser beginnt an diesem Sonntag, dem 7. Mai, um 14 Uhr mit einem deutsch-wendischen Gottesdienst in der Gustav-Adolf-Kirche. Danach findet eine Gesprächsrunde zum Strukturwandel in der Lausitz statt.

Kerkwitz ist Teil des Europäischen Stationenwegs, den die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und der Trägerverein des Reformationsjubiläums aus Anlass von Martin Luthers 500 Jahre Thesenanschlag veranstalten. Im Fokus steht ein blauer Truck, der seit Jahresanfang durch ganz Europa tourt. In Rom, in Paris oder im dänischen Viborg suchte er Geschichte rund um die Reformation. "Auch in Kerkwitz gibt es eine Aufbruchsgeschichte zu entdecken", sagt die Cottbuser Superintendentin Ulrike Menzel. "Denn hier stand die erste Kirche, die in der DDR neu gebaut wurde - 1952, als Ersatz für ein Gotteshaus, das heute zu Polen gehört." Und dazu passt natürlich der Aufbruch, den die Region in den nächsten Jahren mit ihrem Strukturwandel erleben will. "Wir wollen deutlich machen, dass wir in unserer Region auf eine gute Tradition von Aufbruchsgeschichten zurückblicken können."

Am Mittwoch, 10. Mai, wird der Lkw in Kerkwitz ankommen - wenige Wochen, nachdem die Kerkwitzer erfuhren, dass das jahrelange Ringen um den Erhalt ihres Dorfes erfolgreich war. Der Bergbaubetreiber Leag hatte die Pläne seines Vorgängers Vattenfall aufgegeben, den Braunkohletagebau Jänschwalde zu erweitern und so die Dörfer Atterwasch, Grabko und Kerkwitz wegzubaggern. Eine der Säulen des Protestes war die Kirche vor Ort.

Am Donnerstag ist das Geschichtenmobil ab 9.30 Uhr geöffnet. Videos zu den vorherigen 63 Stationen können geschaut, Geschichten gelesen werden. Und die Besucher sollen ihre eigenen Reformationsstorys erzählen.

Zudem gibt es in Kerkwitz zwei Ausstellungen: Auf dem Sportplatz ist "Zehn Jahre Leben mit der Braunkohle" zu sehen, in der Kirche wird deren Geschichte thematisiert. An verschiedenen Stationen im Dorf werden die Ergebnisses eines Schülerprojekttages zum Thema "Was ist Reformation?" präsentiert. 17 Uhr beginnt im Zelt ein offenes deutsch/wendisches Volksliedersingen. "Das Singen gehört für Protestanten einfach dazu", sagt Superintendentin Menzel. In der Gustav-Adolf-Kirche beginnt um 19 Uhr eine ökumenische Andacht. Beim Geschichtenabend im Festzelt auf dem Sportplatz dreht sich von 19.30 bis 20.45 Uhr wieder alles um den Leitgedanken "Energie (ver)wenden - Reformation heute". Die Kerkwitzer Geschichten werden an das Team vom Geschichtenmobil übergeben, das dann nach Breslau weiterfährt - "in unsere polnische Partnerkirche", sagt Menzel. Am 20. Mai erreicht der Truck in der Lutherstadt Wittenberg sein endgültiges Ziel.

Der große Kirchentag der EKD startet natürlich auch gewaltig - und zwar mit gleich drei großen Eröffnungsgottesdiensten am 24. Mai in Berlins Mitte. Anschließend findet der Abend der Begegnung, ein buntes Straßenfest, statt. Auch die Veranstaltungen der kommenden drei Tage sind in Berlin und teils auch Potsdam. Strukturiert durch Morgen-, Abend- und Nachtgebete gibt es ein umfangreiches Programm unter dem Motto "Du siehst mich". Musikalisch lockt der Kirchentag mit insgesamt rund 400 Konzerten. Zu den Höhepunkten zählen die Auftritte der A-Cappella-Band Wise Guys, des Liedermachers Max Giesinger und ein Open Air der Berliner Symphoniker auf dem Berliner Gendarmenmarkt.

Programmatisch geht es beim Kirchentag um die Themen Flucht und Migration, Zusammenhalt in Deutschland und Europa, religiöse Pluralität und Reformation. Dazu werden Diskussionsrunden veranstaltet. Erwartet werden unter anderem Microsoft-Ex-Managerin Melinda Gates und der UN-Sondergesandte für Syrien, Staffan de Mistura. Nicht zu vergessen der Besuch des Messias persönlich - so empfinden es offenbar die Anhänger und Fans von Ex-US-Präsident Barack Obama. Er wird am 25. Mai eine Kirchentagsrede halten und vorm Brandenburger Tor mit Bundeskanzlerin Angela Merkel diskutieren.

Am Samstag wird dann SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz im Berliner Dom erwartet. Im Potsdamer Landtag wird es eine Diskussionsrunde zum Thema Deutschland und Polen geben, während es in der Nikolaikirche um Bergbau und Strukturwandel in der Lausitz geht.

Die Nacht der Lichter am Samstagabend findet dann bereits in Wittenberg statt und leitet zum historischen Zentrum der Reformation über, wo am Sonntag die Kirchentagsveranstaltungen zu erleben sind. Der Schlussgottesdienst des 36. Kirchentages wird auf den Elbwiesen vor den Toren der Lutherstadt gefeiert. Zu dem Festgottesdienst anlässlich des 500. Reformationsjubiläums werden noch einmal Zehntausende Teilnehmer erwartet.

Weitere Informationen,

unter anderem das Programm zum großen Kirchentag, finden Sie unter www.kirche-guben.de

und www.kirchentag.de

Zum Thema:
Der 36. Evangelische Kirchentag findet vom 24. bis 28. Mai in Berlin und Wittenberg statt. Die Veranstalter erwarten mehr als 140 000 Menschen bei insgesamt etwa 2500 Veranstaltungen. Daneben gibt es auch einen Markt der Möglichkeiten mit rund 600 Ständen - eine Art Messe der Zivilgesellschaft.