Februar: Alle ehrgeizigen Vorkehrungen für Dresdens schwierigsten Termin haben nichts gebracht. Die Stadt erlebt zwei Neonazi-Aufmärsche innerhalb einer Woche. Am 13. Februar, dem Jahrestag der Bombardierung, reagieren 17 000 Bürger mit einer Menschenkette. Sechs Tage später kommt es zu schweren Ausschreitungen am Rande der Gegendemonstration. Bilanz: Eine verwüstete Südvorstadt, mehr als 100 verletzte Polizisten und eine Funkzellenabfrage durch die Sicherheitsbehörden, die erst vier Monate später bekannt wird. Mai: Es ist Landesausstellung in Görlitz. Rund um die alte Handelsstraße Via Regia sollen im frisch restaurierten Kaisertrutz „800 Jahre Bewegung und Begegnung“ lebendig werden. Bis Ende Oktober machen sich 170 000 Besucher auf den Weg zur Ausstellung in den fernen Osten Sachsens.

Juni: Alle Welt strömt zum Kirchentag nach Dresden. Vom 1. bis zum 5. Juni feiern 120 000 Wandersandalenträger und Gitarrenspieler jeglichen Glaubens in Dresden. Es gibt Gottesdienste, Lesungen, Konzerte und Auftritte der üblichen Verdächtigen aus der Politik. Die Atheisten wehren sich mit einer Gegenparty, können aber nichts damit ausrichten. Gott ist stärker, selbst im kirchenentwöhnten Osten.

Juli: Mit der Machete zerschneiden Leipzigs OB Burkhard Jung (SPD) und Zoochef Jörg Junhold am 1. Juli das Band zum Gondwanaland. Mit der neuen Riesentropenhalle will der Leipziger Zoo neue Maßstäbe setzen. Die Begeisterung des Publikums hält sich allerdings in Grenzen, was auch am Eintrittspreis liegt, der wegen der Riesentropeninvestition von 13 auf 17 Euro steigt.

Eine Investition in die sächsische Wirtschaft will Wirtschaftsminister Sven Morlok (FDP) tätigen, als er zum Pendlerstammtisch an die Autobahnraststätte lädt. Mit Kaffee und Kuchen will Morlok Berufspendler von den Vorzügen des sächsischen Arbeitsmarkts überzeugen. Er erntet Hohn und Spott für seine Eierschecken-Initiative, deren Rezept er später auch auf Kleine Anfrage hin nicht preisgibt.

August: Sachsens Innenminister Markus Ulbig (CDU) steht unter Druck, weil die Sicherheitsbehörden bei den Dresdner Februar-Demonstrationen willkürlich Handydaten eingesammelt haben. Nach und nach werden immer neue Datenmengen bekannt, insgesamt über zwei Millionen Datensätze. Im Landtag verteidigt die CDU die Aktion als notwendig – Opposition und Datenschützer laufen Sturm.

September: Im Leipziger Gondwanaland stirbt Heidi, das schielende Opossum. Aufgrund von Altersschwäche wird die Beutelratte am 28. September, morgens um 7.30 Uhr eingeschläfert. Zurück bleibt eine untröstliche Fan-Gemeinde. Der Zoo verliert einen Star. Zeitweise hatte Heidi mehr Facebook-Freunde als Bundeskanzlerin Angela Merkel. Heidis Sehfehler war wohl die Folge von frühem Übergewicht, ganz sicher sind sich die Experten da aber nicht.

Oktober: Krieg als Attraktion. Nach langer Bauzeit öffnet in Dresden das größte Militärhistorische Museum Deutschlands. Der Entwurf stammt vom Architekten Daniel Libeskind, die Mission des Hauses ist, die deutsche Militärgeschichte durch drastische Exponate in ihrem gesellschaftlichen Umfeld darzustellen. Allein am Eröffnungswochenende kommen 12 000 Besucher.

November: Am 4. November explodiert in Zwickau ein Haus. Wenige Tage später kennt die ganze Republik die Bilder der drei Bewohner Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe. In 13 Jahren hatten die drei Neonazis elf Menschen ermordet und mehrere Banken überfallen. Warum ihnen niemand auf die Schliche kam, die Frage wird die Parlamente in Bund und Ländern noch länger beschäftigen (siehe auch Seite 4).

In Sachsen vermischt sich die Debatte über den Rechtsterrorismus mit der Suche nach Lösungen für den nächsten 13. Februar in Dresden. Haben sich die Behörden zu sehr auf vermeintliche Linksextremisten eingeschossen und die Gefahr von rechts ignoriert? Während das Land nach Antworten sucht, bleibt die Staatsregierung stumm. Sachsen muss einen neuen Umgang mit alten Problemen finden, das verlangen immer mehr Bürger.