Zuvor waren sie vor dem Sitzungssaal von Befürwortern und Gegnern des Vorhabens erwartet worden. Mit Transparenten brachten beide Seiten noch einmal ihre Positionen zum Ausdruck. Zudem übergaben die Befürworter dem Vorsitzenden der Stadtverordnetenversammlung, Klaus-Dieter Fuhrmann (CDU), Listen mit Unterschriften. Rund 500 Gubener hatten darauf unterzeichnet und damit bekundet, dass sie für die Ansiedlung von Hagens sind.
Der Heidelberger Anatom ist bekannt und umstritten für seine Erfindung eines Verfahrens zur Plastinierung (eine anschauliche Konservierung) von Verstorbenen, die er unter anderem in seinen „Körperwelten“ -Ausstellungen der Öffentlichkeit zeigt. Im alten Rathaus von Guben, das bis zum Sommer freigezogen sein soll, will er eine Werkstatt für Scheibenplastinate einrichten. Dabei handelt es sich um nur wenige Millimeter starke, durch Kunststoff gehärtete Präparate, die für medizinische Ausbildungszwecke bestimmt sind. Verwendet werden dafür die sterblichen Überreste von Menschen, die ihren Körper zu Lebzeiten gespendet haben.
Von Hagens hat sich gestern für das Vertrauen bedankt, das eine Mehrheit der Gubener Einwohner und Politiker in seine geplante Ansiedlung einer Plastinationswerkstatt setze. Diese soll nach seiner eigenen Aussage in der Anfangsphase 30 Mitarbeiter beschäftigen. Darunter auch bereits geschultes Fachpersonal aus Polen, wo von Hagens im vergangenen Jahr ein ähnliches Projekt in Sieniawa Zarska wieder aufgegeben hatte. Nur vage hat der Heidelberger bisher angedeutet, später könnten möglicherweise bis zu 200 Beschäftigte in der Werkstatt arbeiten.
Von Hagens, der sich zurzeit in den USA aufhält, bedankte sich ausdrücklich auch bei seinen Gegnern „für ihr Engagement im vorausgegangenen demokratischen Meinungsbildungsprozess, der letztlich der Demokratisierung der Anatomie diente“ . Durch perfekte Gubener Plastinate wolle er sich bemühen, auch das Vertrauen seiner Kritiker zu erlangen und „Meinungsgräben einzuebnen“ .
Während von Hagens sich durch die Entscheidung der Gubener Stadtverordnetenmehrheit bestätigt fühlt, interpretiert die katholische Kirche sie ganz anders. „Die knappe Mehrheit zeigt, dass es sich die Stadträte nicht leicht gemacht haben“ , sagte der Generalvikar des Bistums Görlitz, Hu bertus Zomack. „Dennoch darf das Argument Arbeitsplätze nicht in jedem Fall Vorfahrt haben.“ Bei allem Verständnis für eine strukturschwache Region, gehe die Entscheidung hier auf Kosten der Achtung vor dem Tode und der Menschenwürde, bedauerte Zomack.
Der Kirchenälteste der evangelischen Kirchengemeinde der Region Guben, Matthias Bärmann, wollte sich zum Abstimmungsausgang nicht äußern. Er werde dies unter keinen Umständen kommentieren. „Wir müssen das jetzt erst einmal setzen lassen.“
Auch Pfarrer Michael Domke, einer der führenden Köpfe des Ak tionbündnis ses für Menschenwürde, wollte sich zum eigentlichen Ausgang der Abstimmung nicht äußern: „Wir müssen uns jetzt erst einmal zusammensetzen.“ Ob das Aktionsbündnis seine Arbeit fortsetzen wird, stehe ebenfalls noch nicht fest. „Wir müssen überlegen, was wir noch erreichen können“ , so Domke.
Dagegen fand die Cottbuser Superintendentin Heilgard Asmus gestern scharfe Worte der Kritik. Die Stadtverordneten hätten der Debatte um die Werte menschlichen Zusammenlebens schweren Schaden zugefügt und einen Tabubruch befördert.
Zum Kaufpreis, für den das Rathaus an von Hagens abgegeben werden soll, hält sich die Stadt Guben bedeckt. Nach einem Bericht der „Berliner Zeitung“ soll aber ein anderer, an das Rathaus unmittelbar angrenzender Gebäudeteil, der ebenfalls für die Plastinationswerkstatt gebraucht wird, von der Märkischen Grundstückssanierungsgesellschaft für 72 000 Euro verkauft werden.