Mit Helmut Schmidt geht eine der prägenden Figuren der Bundesrepublik, die die Lehren aus der schrecklichen Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs in politisches Handeln umzusetzen versuchte. Er wurde ein Motor der europäischen Einigung. Den Hamburgern ist die Besonnenheit unvergesslich, mit der Schmidt in seiner Heimatstadt die Folgen der Flutkatastrophe von 1962 beseitigte. Andere erinnern sich an die Entschlossenheit, mit der er sein Land durch die Stürme nach den Ölpreisschocks steuerte. Für viele bleibt aber das Bild des "Mannes von Mogadischu", der den RAF-Terroristen die Stirn bot.

Der "von Geburt und aus Gesinnung" überzeugte Hanseat wurde am 23. Dezember 1918 in Hamburg-Barmbek geboren. Er besuchte die reformpädagogische Lichtwark-Schule, wo er 1929 seine spätere Frau, Hannelore "Loki" Glaser, kennenlernte. Seine Eltern drängte er in der NS-Zeit, in die Hitlerjugend eintreten zu dürfen, was sie abblockten. Auf die Frage nach dem Warum erwiderte die Mutter: "Weil Du einen jüdischen Großvater hast." Mit Blick auf seine spätere Zeit als Wehrmachtssoldat betont Schmidt: "Ich war weiß Gott kein Nazi."

Dass die Nationalsozialisten verrückt seien, sei ihm 1937 klar geworden, als sie von ihm verehrte Expressionisten als entartete Kunst einstuften. Er wollte aus Deutschland weg, klopfte bei Shell in Hamburg an, um einen Job in Holländisch-Indien zu bekommen. Daraus wurde nichts, auch nicht aus einem Architektur-Studium. 1942 heiratete er Loki, die sich später in Deutschland als Botanikerin und Naturschützerin einen Namen machte. Der erste Sohn starb mit acht Monaten an einer Hirnhautentzündung. Schmidt war zu der Zeit an der Front.

Souveräner Krisenmanager

Nach kurzer Gefangenschaft studierte Schmidt Volkswirtschaft und Staatswissenschaft. 1946 trat er der SPD bei, Tochter Susanne wurde 1947 geboren, 1953 wurde er in den Bundestag gewählt. Kurz nach der Rückkehr nach Hamburg als Innensenator bewies er bei der Sturmflut im Februar 1962 erstmals sein Talent als souveräner Krisenmanager, der sich in diesem Notfall auch über Vorschriften hinwegsetzte.

Danach verlief die Karriere stetig nach oben. 1965 stellvertretender SPD-Fraktionschef in Bonn, ein Jahr später - nach Bildung der Großen Koalition - Fraktionschef. Im ersten sozial-liberalen Kabinett wurde er Verteidigungsminister.

1972 übernahm er das Amt des Wirtschafts- und Finanzministers. Der "SPD-Kronprinz" rechnete gar nicht mehr damit, den Sprung ins Kanzleramt zu schaffen. Als Willy Brandt 1974 wegen der Affäre um DDR-Spion Günter Guillaume zurücktrat, kam doch noch die Chance. Am 16. Mai 1974 wurde Schmidt mit den Stimmen von SPD und FDP zum fünften Kanzler der Bundesrepublik gewählt.

Mitten im Deutschen Herbst

Praktisch von Beginn an wurde er durch den Linksterrorismus herausgefordert. Im "Deutschen Herbst" 1977 hielt die Entführung von Arbeitgeberpräsident Schleyer die Republik sieben Wochen lang in Atem. Als am 13. Oktober ein Palästinenser-Kommando zusätzlich noch die Lufthansa-Maschine "Landshut" entführte, um die in Stuttgart-Stammheim inhaftierte RAF-Führung freizupressen, bewies Schmidt Nervenstärke. Es habe 50 zu 50 gestanden, erinnerte er sich später. "Entweder fliegen wir 90 Passagiere nach Hause oder sie werden in die Luft gesprengt." Die Operation im somalischen Mogadischu war dank der GSG 9 erfolgreich. Wäre es anders verlaufen, wäre Schmidt als Kanzler zurückgetreten.

Damals erlebte der SPD-Politiker, dessen Koalition mit der FDP 1976 mit 50,5 Prozent der Stimmen bestätigt wurde, einen Höhepunkt seiner Popularität. Vier Jahre später baute er die Mehrheit aus. Kurz danach begann aber die "Kanzlerdämmerung", vor allem parteiintern. Wegen des Nato-Nachrüstungsbeschlusses und des Streits um die Finanzierbarkeit des Sozialstaats gerieten er und der linke SPD-Flügel zunehmend über Kreuz. Aber die Geschichte gab Schmidt recht. Der Doppelbeschluss habe in den INF-Vertrag gemündet, den "ersten völkerrechtlich gültigen beidseitigen Abrüstungsvertrag seit dem Zweiten Weltkrieg".

FDP geht von Bord

Die FDP suchte aber wegen der Differenzen den Absprung. Am 1. Oktober 1982 wurde er als erster Kanzler durch ein Misstrauensvotum abgelöst, der Nachfolger hieß Helmut Kohl - auf Rot-Gelb folgte Schwarz-Gelb.

Anschließend begann der Rückzug aus der Tagespolitik. 1987 gab Schmidt nach 33 Jahren sein Bundestagsmandat auf. Unbelastet von Ämtern gab der Mitherausgeber der "Zeit" immer wieder Ratschläge. Es häuften sich aber körperliche Probleme des Kettenrauchers. Schwer zu schaffen machte dem Musikliebhaber die zunehmende Schwerhörigkeit.

Seine letzte große Rede bei einem SPD-Bundesparteitag hielt der weltweit vernetzte "Elder Statesman" im Dezember 2011, erstmals wieder seit 1998. Es war ein eindringlicher Appell, die Kriegszeiten nicht zu vergessen und die Schuldenkrise durch eine weitere Integration in Europa zu meistern.

Im "Zeit"-Magazin wurde er 2010 mit einem seiner berühmtesten Zitate konfrontiert, das auf Willy Brandt gemünzt gewesen sein soll: "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen." Er sei damals gefragt worden, wo denn seine eigene Vision sei. "Es war eine pampige Antwort auf eine dusselige Frage." Den Satz habe er ein einziges Mal gesagt. "Er ist aber tausendfach zitiert worden", ärgerte sich Schmidt rückblickend. "Einmal hätte genügt."