In der Cottbuser Radsportler-Gemeinde ist der Name Geike gut bekannt. Der Senior hat sich gerade einen Flitzer aufbauen lassen, um im wohl verdienten Ruhestand weiter seinem Duathlon-Hobby nachgehen zu können. Sohn Torsten fuhr beim RSC Cottbus einst mit dem späteren Rad-Profi Danilo Hondo in einer Mannschaft. Wurde in der Vierermannschaft auch deutscher Meister.

Doch um den Sport als Beruf auszuüben, kam Torsten Geike Verletzungspech in die Quere. So orientierte sich seine berufliche Karriere in Richtung IT-Branche. Der Vater hatte sich nach der Wende auf diesem Gebiet selbstständig gemacht. "Ich konnte da schon ganz gut reinschnuppern und hatte Feuer gefangen." Doch der Weg in den Job nach dem Abitur an der Lausitzer Sportschule und dem Zivildienst in der Kindertagesstätte "Janusz Korczak" war keineswegs schnurgerade. Die Lehre als Versicherungskaufmann absolvierte er noch in Cottbus, "doch danach musste ich mich kümmern".

So entschied sich der damals 23-Jährige um die Jahrtausendwende, in den Westen zu gehen - Richtung Bayern, nach München. Dort stand er vor der Frage, ein Studium aufzunehmen oder im Beruf weiterzumachen. "Ich habe an Weiterbildung alles aufgesogen, was mir geboten wurde", schildert Torsten Geike, wie er die Fortbildung junger Führungskräfte ebenso absolvierte, wie eine IT-Ausbildung unter den Motto "Karriere ohne Studium". Er qualifizierte sich zum Fachinformatiker weiter - mit der speziellen Ausrichtung zur Anwendungsentwicklung.

Für seinen neuen Versicherungs-Arbeitgeber wurde er zum Experten für die Informationstechnik, die er fortan betreute. Arbeitete dort zuletzt als Projektleiter und Softwarearchitekt. Seine Frau Kati fand bei derselben Firma einen Job. Das Paar fühlte sich, nachdem es seinen Platz gefunden hatte, schnell in Fürstenfeldbruck inmitten der Metropolregion München heimisch.

"Es war kein Problem, hier Anschluss zu finden", widerspricht der junge Familienvater oft anzutreffenden Darstellungen, dass Ossis im Westen nie ankommen würden. "Wir waren im Wohnumfeld und im Sportverein integriert." Die Kommune kümmere sich zudem außerordentlich um junge Familien. Der Platz für das letzte Jahr in der Kindertagesstätte sei in Fürstenfeldbruck kostenfrei. Und dennoch hat sich die junge Familie Geike immer wieder die Frage gestellt, eines Tages in die ostdeutsche Heimat zurückzugehen. Damit reiht sie sich nach einer Studie des Leipziger Leibniz-Institut für Länderkunde (IfL) von 2013 ein in die große Gruppe Rückkehrwilliger. Dass es inzwischen die statistisch gesicherte Erkenntnis gibt, dass jeder Zehnte der seit 1999 aus den ostdeutschen Ländern Abgewanderten bereits in die alte Heimat zurückgekehrt ist, ist einer neuen Herangehensweise zu verdanken. Datengrundlage der Studie ist die Statistik der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland. Diese wertete Robert Nadler, wissenschaftlicher Mitarbeiter am IfL, gemeinsam mit einem Kollegen vom Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung aus. "Das ist der erste Datensatz, mit dem wir so flächendeckend das Phänomen der Ost-West-Wanderung untersuchen konnten", sagt Nadler gegenüber der RUNDSCHAU.

Torsten und Kati Geike waren zunächst auch in das Raster gefallen, wonach sich drei von vier der abgewanderten Ostdeutschen eine Rückkehr vorstellen können. "Man ist hin- und hergerissen", räumt Torsten Geike ein, der inzwischen bei einer IT-Firma nahe Landshut angeheuert hat. Er sagt unumwunden: "Wer es bequem mag, der kommt nicht zurück." Für ihn und seine Frau haben letztlich aber die Nähe zu den Eltern, die als Oma und Opa nur zu gern für die Betreuung der Enkel Elias (7) und Jonas (2) zur Verfügung stehen, zu den Verwandten und Freunden in Cottbus eine große Rolle gespielt. Vor allem aber habe man sich über den Zeitpunkt einig werden müssen: Und der war mit der Einschulung von Elias im Vorjahr gekommen. "Für uns hieß es: jetzt oder vielleicht nie mehr."

Die Geikes haben sich für die Rückkehr entschieden. Es wird im Mai ein Jahr, dass ihr Möbelwagen in Cottbus vor der gemieteten Wohnung haltmachte. Sie haben sich schnell eingerichtet im alten, neuen Zuhause in der Lausitz. Elias hat hier die Schule begonnen. Er fährt beim RSC Cottbus BMX und geht zum Theaterspielen ins Piccolo. Wenn Geikes von Freunden und Bekannten des Öfteren und durchaus auch etwas ungläubig nach Beweggründen für ihr Wiederkommen gefragt werden, dann beginnt Torsten Geike nicht selten mit dem Freizeitangebot für Elias.

"Das wäre in München nicht drin gewesen", sagt er und schildert, dass es von Fürstenfeldbruck gut eine Stunde mit der Stadtbahn "oder auf den zugestauten Straßen noch länger in die Innenstadt dauert". Für zwei Elternteile im Job seien solche Freizeitangebote, die es natürlich auch gebe, nicht zu realisieren. Und für die 50 Erstklässler hätten zehn Betreuungsplätze im Schulhort zur Verfügung gestanden. "Welche Möglichkeiten Kindern dagegen in Cottbus haben, das lernt man offenbar erst so richtig schätzen, wenn man den Vergleich hat."

Wenn Rückkehrer Torsten Geike inzwischen davon spricht, dass seine Familie hier im Osten mehr Lebensqualität hat, dann staunen auch Freunde, die noch immer in Frankfurt am Main oder anderswo in den alten Bundesländern leben. Denen erzählt er dann von der "richtig schön gewordenen Stadt Cottbus". Vom Branitzer und dem Tierpark, vom Stadtzentrum mit dem historischen Altmarkt, von einem Olympiastützpunkt - natürlich mit perfekter Radrennbahn - oder dem Staatstheater im Jugendstil. "Wir waren im Vorjahr von der Spielplanpräsentation des Theaters im Branitzer Park begeistert", sagt Geike, und er fügt hinzu. "Wenn wir in München am Wochenende in die Berge wollten, mussten wir um fünf Uhr starten. Sonst ist rings um die Stadt alles dicht." Jetzt genieße es die Familie, am Wochenende nach dem Frühstück Richtung Berlin oder Dresden, in den Spreewald oder ins nahe Lausitzer Seenland zu fahren. "In einer Stunde ist das alles erreichbar." Das zählt für Torsten Geike zu Lebensqualität.

Und dennoch ist für die Rückkehrer noch nicht alles Gold, was glänzt. Kati Geike ist derzeit noch auf der Suche nach einem neuen Job. Und Torsten Geike konnte seinen neuen Arbeitgeber zwar überzeugen, hier zwischen Berlin und Dresden eine Niederlassung des Software-Herstellers - CRM- und xRM-Software - für die Unternehmensführung aufzubauen. Dafür gebe es schon gute Ansätze, am großen Durchbruch arbeitet er aber noch. "Unsere Rückkehr war auch ein Stückchen Risiko", sagt er. "Aber das war der Weg in den Westen auch."