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"Von Dresden alleingelassen"

Sachsens Innenminister Markus Ulbig (CDU,Foto) und Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung streiten über die Präsenz der Polizei in der Messestadt.
Sachsens Innenminister Markus Ulbig (CDU,Foto) und Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung streiten über die Präsenz der Polizei in der Messestadt. FOTO: dpa
Leipzig/Dresden. Seit der Vergewaltigung einer Joggerin vor einer Woche steht Leipzig unter Schock. Nun liefern sich Sachsens Innenminister und der Oberbürgermeister eine Schlammschlacht über die Sicherheit in der Stadt. Christine Keilholz / ckz1

Der Mann, der am Donnerstag vor einer Woche eine Joggerin im Leipziger Rosenthal-Park vergewaltigt hat, ist noch immer auf der Flucht. Die Polizei sucht nach einem südländisch aussehenden Mann zwischen 25 und 35 Jahren mit kräftiger Statur, dunklen Haaren und dunklem Bart. Der Täter hatte die Frau auf ihrer Laufstrecke von hinten gepackt und zu Boden gerissen. Er schlug und trat ihr mehrfach heftig ins Gesicht und zerrte sie dann auf eine Wiese. Das Opfer erlitt schwere Verletzungen und musste in einer Klinik notoperiert werden.

Die Tat entsetzt seitdem die Stadt. Vor allem nachdem ein Polizeisprecher Frauen davon abriet, allein joggen zu gehen. Leipzig gilt ohnehin als Kriminalitätsschwerpunkt im Osten - dieser Fall hat die Debatte über Polizeipräsenz in der Stadt aufs Neue entfacht.

Am Montag lud Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) die Presse zu sich ein, um einen Hilferuf Richtung Staatsregierung abzusenden. "Wir fühlen uns in Leipzig von Dresden allein gelassen", so der 59-jährige Rathauschef. Seit Jahren schreibe er Briefe an das Innenministerium und bitte um mehr Polizei für die Stadt. Doch die Rufe würden ungehört verhallen. "Vielleicht sind wir auch zu weit weg", vermutet Jung.

Der Ordnungsbürgermeister der Linken, Heiko Rosenthal, hat derweil eigene Streifen losgeschickt. Er erhöhte den Streifendienst der städtischen Ordnungsdienstes in der Nähe des Tatorts - ein zen trumsnaher Park, wo die Frau vormittags überfallen worden war. Die städtischen Angestellten seien dort nun in drei Schichten präsent, so Rosenthal. Ihm sprang der Innenpolitiker der Linken-Landtagsfraktion, Enrico Stange, bei. Seit 2006, erklärte der, sei die Leipziger Polizei von 3230 Bediensteten auf 3030 geschrumpft worden. "Die Personalausstattung konnte auch durch 132 Wachpolizisten mit stark begrenzten Befugnissen nicht wesentlich verbessert werden", fügte Stange hinzu. Und das in einer Stadt, in der Rocker sich Kriege liefern und wo offen über Waffenverbotszonen nachgedacht wird.

Da konnte Innenminister Markus Ulbig (CDU) nicht schweigen. Am Dienstag sah er sich genötigt zu einer empörten Replik. Er habe ja Verständnis für Vieles, gerade jetzt im Wahlkampf, so Ulbig. "Aber das, was Herr Jung heute an falschen Tatsachen unter dem Deckmantel einer konstruktiven Kritik verkauft hat, ist nicht nur haltlos, sondern ungeheuerlich und wird der Verantwortung eines Oberbürgermeisters in keinster Weise gerecht." Ulbig spricht von 3110 Polizisten, die seit diesem Jahr in Leipzig stationiert seien. Statt also abzubauen habe man innerhalb von zwei Jahren 145 Stellen zugebaut.

Ulbig spielte den Ball sogleich nach Leipzig zurück. Das neue Polizeigesetz gebe den Ortspolizeibehörden umfangreiche Befugnisse für Sicherheitsmaßnahmen. "Man muss sie nur anwenden, mit Personal ausstatten und umsetzen", so der Minister. Die Metropolen Dresden und Chemnitz hätten das längst getan - die Metropole Leipzig indes nicht.

Der CDU-Landtagsabgeordnete Christian Hartmann, legte gestern nach. Oberbürgermeister Jung lenke nur von der eigenen Verantwortung ab. "Schon vor sechs Jahren haben Bürgerinitiativen eine Stadtpolizei wie in Dresden gefordert", sagt der Dresdner Innenpolitiker Hartmann. Doch im letzten Haushalt habe Leipzig trotz Bevölkerungswachstums "lediglich die Anzahl der Politessen erhöht". Die Stadt könne selbst etwas tun, um die Sicherheitslage zu verbessern. Zum Beispiel sei es den Bürgern nicht vermittelbar, dass der Stadtordnungsdienst von Leipzig nachts, samstags ab 16 Uhr und den ganzen Sonntag nicht erreichbar sei.

Der Vorsitzende der SPD-Fraktion, Dirk Panter, forderte, auf gegenseitige Schuldzuweisungen zu verzichten. "Wahlkampfgetöse" helfe nicht. "Alle Verantwortlichen müssen jetzt schnellstens zusammen an einen Tisch", teilte Panter mit.

Zum Thema:
Die Polizei hat nach der Vergewaltigung einer Joggerin in Leipzig noch keine heiße Spur. Wie ein Polizeisprecher am Dienstag sagte, dauern die Ermittlungen weiter an. Der Fall hat über die Stadtgrenzen hinaus für Bestürzung gesorgt. Am vergangenen Donnerstag war eine über 50 Jahre alte Frau beim Joggen in einem Park zusammengeschlagen und vergewaltigt worden. Die Polizei riet Frauen danach, vorerst nicht alleine Laufen zu gehen. (kr)